Weltwoche Kommentar 31/26

Kommentar

Schweizer, kehrt zur Schweiz zurück!

Europa erlebt die gefährlichste Zeit seit 1945. Die Schweiz aber dämmert in der Luxusnarkose,
weicht ihre Neutralität auf, überschätzt ihre Rolle. Was uns der Urschwur der Eidgenossen heute
noch zu sagen hat. Eine Besinnung zum 1.August.
Roger Köppel
D

ie Schweiz ist ein Wunder aus der Wirklichkeit. Über 700Jahre lang ist dieses Land eines der grössten Wagnisse eingegangen, die es unter Menschen überhaupt gibt: dass gewöhnliche Leute, damals Bauern, sich selber regieren. Und zwar mitten in einem Europa der gekrönten und gesalbten Häupter, in dem sich die Monarchen einbildeten, der Allmächtige persönlich habe ihnen den Auftrag erteilt. Solche gibt es heute immer noch.

Auf einer Wiese am Vierwaldstättersee fanden sich der wahren Sage nach drei Schwurgenossen zusammen. Wir leisten uns Beistand. Wir verteidigen das Recht unserer Väter. Wir lassen uns von keinem Potentaten dreinreden und von Fremden nicht richten. Das war der Urknall unserer heutigen Schweiz. Und es ist das zweite Wunder, dass sich aus diesen Augusttagen des Jahres 1291 eine Nabelschnur bis in die Gegenwart fortgesetzt hat, ungeachtet aller fürchterlichen Verwerfungen auf unserem Kontinent.

Ein Geschenk des Himmels war diese Schweiz nie. Sie musste der Wirklichkeit immer wieder abgetrotzt werden.

Die Ausländer sehen es klarer
In den sozialen Medien kursieren neuerdings Filme, mit künstlicher Intelligenz gemacht, die unsere Geschichte nacherzählen. Sie stammen nicht aus einer Parteizentrale, sondern von ausländischen Urhebern, und sie sind eine einzige Liebeserklärung an die Eidgenossenschaft. Muss man daraus schliessen, dass die Ausländer die Schweiz inzwischen mehr schätzen als wir Schweizer selber?

Das Dümmste, was wir tun können, ist, diese Schweiz wegzuwerfen. Uns nicht mehr damit auseinanderzusetzen, was es bedeutet, Schweizer zu sein, und welches die unverbrüchlichen Säulen dieses Staates sind: Freiheit und Neutralität.

Die Geburtsstunde der Neutralität
Auch die kamen nicht vom Himmel. Zuerst die Habsburger, immer und immer wieder, am Morgarten, bei Sempach, wo ein gewisser Arnold von Winkelried die Speere auf sich nahm, um den Seinen eine Gasse zu schlagen. Einer für alle. Dann die Burgunder, Karl der Kühne, der reichste Fürst des damaligen Europa, vernichtend geschlagen bei Grandson, Murten, Nancy. Und dann, betrunken vom Erfolg und im Reichtum badend, verloren die Eidgenossen zum ersten, nicht zum letzten Mal den Kurs. Es brauchte einen Reformator aus dem Toggenburg, um ihnen zu sagen: Hört auf, ihr seid kriegsbesoffen.

Was folgte, war die Glaubensspaltung, die Raserei, der Bürgerkrieg im eigenen Land. Und dann die Kappeler Milchsuppe: Während die Obrigkeiten verhandelten, löffelten die Kriegsleute gemeinsam die Suppe. Das Resultat war die religiöse Toleranz je nach Kanton – hundert Jahre bevor die grossen Staatstheoretiker Europas sie auf den rauchenden Ruinen des Dreissigjährigen Kriegs entdeckten. Einen Preis aus Brüssel haben wir dafür nie bekommen.

Ein Geschenk des Himmels war diese Schweiz nie. Sie musste der Wirklichkeit abgetrotzt werden.

Vor allem aber: Der Bund selber blieb weltanschaulich neutral. Er bezog keine Stellung im Glaubensstreit der Kantone. Das ist die eigentliche Geburtsstunde der Neutralität, entscheidender noch als die Niederlage von Marignano. Neutralität heisst den Zwiespalt aushalten, die Vielfalt akzeptieren, nicht zu glauben, man habe die absolute Wahrheit gepachtet. Auf keinen Fall darf der Staat zum Agenten des Guten und des Bösen werden.

Dank dieser im Innern gelebten Neutralität überstand die Schweiz den Dreissigjährigen Krieg, während auf deutschem Gebiet über ein Drittel der Bevölkerung ausgelöscht wurde.

Auf der Seite der Schweiz
Heute stellt sich die Frage, ob wir diese Grundsätze noch leben – oder ob wir so dekadent, so geschichtsvergessen, so selbstverliebt geworden sind, dass wir die Schweiz zur Knetmasse unserer eigenen Begehrlichkeiten degradieren. Wir sind im Begriff, genau das zu tun.

Glauben Sie jenen nicht, die Ihnen einreden, die Schweiz solle an den Tischen der Mächtigen mitentscheiden, im Uno-Sicherheitsrat, in Brüssel, in den Befehlszentralen der Nato, dann seien wir endlich auch jemand auf der grossen Bühne. Das ist Selbstüberschätzung, das ist Schweizer Grössenwahn.

Noch schlimmer ist der erhobene Zeigefinger am Rand des Schlachtfelds. Dort die Bösen, hier die Guten, und wer für die Neutralität ist, gilt bereits als Komplize des Bösen. Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Folge von guten Tagen. Die Friedhöfe Europas sind voll mit Leuten, die geglaubt haben, sie stünden auf der richtigen Seite der Geschichte. Die Schweiz wollte nie auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Die Schweiz wollte immer auf der Seite der Schweiz stehen.

Der letzte friedliche Sommer?
Die Zeichen stehen auf Eskalation. EU und Ukraine tragen den Krieg gemeinsam immer weiter auf russisches Gebiet. Der Druck in Moskau steigt. Die Frage ist nicht, ob die Russen zurückschlagen, die Frage ist, wie sie zurückschlagen. Dass dieser Krieg auf andere europäische Länder übergreift, ist keine Horrorerzählung aus Moskau, sondern nüchtern betrachtet eine erschreckend real gewordene Möglichkeit. Es könnte der letzte friedliche Sommer in Europa gewesen sein.

Gaunerwort «flexible Neutralität»
Unsere Politiker und unsere Medien beruhigen sich derweil mit der «flexiblen Neutralität». Je weiter der Krieg entfernt sei, desto flexibler dürfe man sie handhaben, man wolle dem Bundesrat den Bewegungsspielraum ja nicht nehmen. Im Zweiten Weltkrieg, räumen sie ein, sei die strenge Auslegung wichtig gewesen – da stand der Krieg allerdings auch unmittelbar an unserer Landesgrenze.

Was macht diese Neutralitätsgauner so sicher, dass er nicht bald wieder dort steht? Gesetzt den Fall, die Russen greifen die Versorgungslinien der Ukraine in Polen an oder eine Drohnenfabrikation in München. Das sind legitime Kriegsziele. Niemand weiss, ob es so weit kommt. Aber in der Politik ist nichts fahrlässiger als das hochmütige Wegwischen von Szenarien, die dem eigenen Wunschdenken widersprechen.

Welche Nato eigentlich?
Wie viele Natos gibt es denn? Die Nato von Trump, die Nato von Merz? Sie werden sich nicht einig. Rückt die Schweiz näher heran, passiert Folgendes: Die Kavallerie der anderen rettet uns nicht, aber unsere Soldaten dürfen selbstverständlich auf die Kriegsschauplätze der anderen. Zurück kommen dann keine Soldaten, sondern Leichensäcke. Und die EU hat sich in eine regelrechte Kriegsbesessenheit hineingefiebert, auch weil sie ein grosses Projekt braucht, um ihre eigene Überflüssigkeit zu überwinden.

Die Frage ist nicht, ob die Russen zurückschlagen, die Frage ist, wie sie zurückschlagen

Die Erfahrung der Geschichte ist hart: In der Not müssen sich die Schweizer selber helfen. Wir konnten uns nicht einmal in der CoronaZeit darauf verlassen, dass die anderen ihre Verträge einhielten, und es ging bloss um Gesichtsmasken. Glauben Sie im Ernst, im Krieg stellten uns die Deutschen und die Franzosen Soldaten zur Sicherung unserer Grenzen zur Verfügung? Aufgrund welcher historischer Erfahrung eigentlich?

Motta gab den Fehler zu
Einmal schon hat die Schweiz ihren Kurs verloren. Nach dem Ersten Weltkrieg, angesichts der Leichenberge, gelobten die versehrten Staaten Europas: Nie wieder! Der Völkerbund werde die Sicherheit regeln. Und den Sündenbock hatte man auch schon gefunden, er hiess Deutschland. Heute sitzt der Sündenbock in Moskau: Ist dieser Möchtegern-Zar erst in Grund und Boden gestampft, haben wir Frieden. Mit exakt dieser Überheblichkeit ist Europa schon einmal in den Höllensturz gerasselt.

Am Schluss sind es wir Schweizer, die darüber entscheiden, ob es die Schweiz in Zukunft noch gibt.

Die Schweiz machte mit und relativierte ihre Neutralität. Als der Völkerbund Sanktionen gegen Mussolini verhängte, drohte der «Duce», das Tessin zu besetzen bis an die Alpenpässe. Da zeigte der Bundesrat Grösse. Ausgerechnet Aussenminister Giuseppe Motta, der die Schweiz in den Völkerbund geführt hatte, sagte: Das war ein Fehler. Rückkehr zur immerwährenden, bewaffneten, umfassenden Neutralität. Ein Jahr vor dem deutschen Überfall auf Polen. Diesen Politikern, deren Namen wir heute nicht mehr kennen, verdanken wir unser Überleben als Schweiz. Können wir das heute auch – einen Fehler zugeben?

Was Neutralität heisst
Neutralität allein ist keine Lebensversicherung. Sie senkt nur die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs, weil der Neutrale sich keine Feinde macht. Ein Möchtegern-Aggressor kann trotzdem auf die Idee kommen, ein neutrales Land zu vergewaltigen, Belgien kann davon ein fürchterliches Lied singen. Darum braucht es die Armee. Aber eine eigene, nicht die fremde, die dann nicht kommt.

Neutralität heisst nicht Gleichgültigkeit. Sie heisst, dass wir uns nicht zum Instrument fremder Interessen machen. Dass wir unsere Soldaten nicht in fremde Schützengräben schicken. Dass unsere Banken und Unternehmen nicht zu Waffen des Wirtschaftskriegs degradiert werden. Dass wir den Dialog wagen, gerade dann, wenn alle anderen ihn abgebrochen haben. Dass wir humanitäre Hilfe leisten, indem wir eben nicht Partei ergreifen.

Am Schluss sind es wir Schweizer, die darüber entscheiden, ob es die Schweiz in Zukunft noch gibt. Sein oder Nichtsein unseres Landes. Der Kanonendonner ist weit weg. Wie lange noch?

Ich wünsche Ihnen allen, liebe Leserinnen und Leser, einen schönen, einen nachdenklichen Geburtstag unserer Schweiz am 1.August.

R.K.

Weltwoche Nr. 31/32.26

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