Christliche Reflexionen
s ist ein Nachmittag im Engadin, auf dem Spazierweg in die Höhe zur Alp Muntatsch oberhalb von Samedan in Richtung Piz Padella, Kiesweg, Steinpfad, Lärchen, die Luft so klar – nach einem guten Fläschchen Pinot noir aus der Bündner Herrschaft, Trocla Nera von Obrecht –, dass man das Gefühl hat, die Gedanken würden schärfer.
Im Kopfhörer, den beiden kabellosen Marshall-Stöpseln, redet die Stimme eines Schauspielers zu mir. Er liest aus einem Buch vor, das 1943 in Oxford geschrieben wurde. Sein Autor war ein Gigant des 20.Jahrhunderts, brillanter Literaturwissenschafter und Mediävist, Verfasser des Weltbestsellers «Die Chroniken von Narnia».
Clive Staples Lewis, von dem hier die Rede ist, gilt als einer der grossen christlichen Apologeten, Verteidiger des Christentums in seiner anglikanischen Variante. Zu seinem Freundeskreis gehörte ein anderer berühmter OxfordProfessor, J.R.R. Tolkien, Katholik, unsterblich geworden durch sein Fantasy-Epos «Lord of the Rings».
Während ich den Berg hinaufkeuche, spricht die Stimme im Ohr über Moral, über die Frage, ob es so etwas wie Gut und Böse wirklich gibt – oder ob das alles nur Konvention ist, willkürliche Erfindung, Kultur, Erziehung, am Ende: Geschmacksache. Der Berg und das Buch: Die Distanz zwischen beiden löst sich allmählich auf.
Was mir gefällt: Lewis ist kein Autor, der seinen Lesern ein frommes Lächeln aufs Gesicht zaubert. Das Erste, woran man sich stösst, ist seine These über die objektive Moral. Lewis nennt es den «Tao». Den Begriff borgt er bewusst aus der chinesischen Tradition, um zu zeigen: Das Gespür für Recht und Unrecht, für die Würde des anderen, das kennen alle Kulturen. Die alten Ägypter. Die Griechen. Die Konfuzianer. Die nordischen Sagas.
Keine dieser Zivilisationen hat je behauptet, es sei in Ordnung, den Schwachen zu zertreten, nur weil man die Kraft dazu hat. Es gab Ausnahmen, Perversionen, Tyranneien – aber sie galten immer als Ausnahmen, als Verfehlungen, nicht als Norm. Lewis zieht den Schluss, der unbequem ist: Der Mensch, der «Das ist ungerecht!» ruft, ruft nach etwas, das er nicht selbst erfunden hat.
Was der Mensch «Moral» nennt, die Gesamtheit aller Regeln, wie man richtig leben soll, ist nichts, was sich der Mensch ausdenkt oder auf dem Reissbrett seines Verstandes entwirft. Moral geht dem Menschen voraus, ist Ausdruck einer höheren Ordnung, zu der man Zugang finden kann – durch Logik. So wie die Naturwissenschaftler hinter die Gesetze der Natur kommen können, ist es dem Philosophen möglich, die Naturgesetze der Moral zu sehen.
Das ist eine steile These. Viele würden sie ablehnen. Doch hier spricht der Christ aus Lewis, der Gläubige, der Vertrauende, der sich weigert, im Universum nur das unbeseelte Produkt des Zufalls, gottlose, tote Materie zu erblicken. Moral ist Geist, mehr als nur Empfinden, mehr als Zahnschmerzen.
Lewis’ Argument ist einfach, aber raffiniert: Den Relativierern hält er ihren eigenen Widerspruch entgegen. Wer sagt, die Wahrheit sei relativ und die Moral beliebig, urteilt nach Kriterien, die nicht relativ, sondern absolut sein wollen. Ein Thraker sagt: Alle Thraker lügen. Ausser natürlich der Thraker, der dies sagt. Logiker Lewis zerlegt den Relativismus als Widerspruch in sich.
Der zweite Gedankenblitz, der mich auf meinem Bergpfad trifft, ist seine Abrechnung mit dem «Mythos des Fortschritts», dem «Evolutionismus». Nicht gegen den Fortschritt an sich schreibt Lewis an, sondern gegen dessen Überhöhung. Lewis ist kein Rückwärtsgewandter, kein Romantiker des Altertums. Er liest Homer und Vergil nicht, weil die Vergangenheit besser wäre, sondern weil sie klüger war – in bestimmten Dingen.
Lewis zerlegt den Glauben, die Geschichte bewege sich automatisch aufwärts. Vor allem lehnt er die Behauptung ab, die Zeit habe eine Richtung, und diese Richtung sei gut. Diese Art von Geschichtsphilosophie, argumentierte Lewis, sei keine Philosophie, keine Wissenschaft, sondern Mythologie. Und zwar eine besonders tückische, weil sie vorgibt, keine zu sein.
Der christliche Fortschrittsglaube wurde im 19.Jahrhundert säkularisiert und auf die Ebene der Geschichte übertragen. Der Marxismus glaubte daran. Der Liberalismus in seiner naiven Version auch. Der Nationalsozialismus hatte seinen eigenen perversen Entwurf davon. Alle drei behaupteten, die Richtung der Geschichte zu kennen. Alle drei richteten nach diesem Glauben. Zwei davon haben die grössten Massaker der Menschheitsgeschichte produziert.
Lewis schreibt das, bevor die Ergebnisse vollständig vorliegen. Er schreibt es 1943, mitten im Krieg. Das macht die Diagnose noch eindrücklicher. Er sieht, wohin der automatische Fortschrittsglaube führt: zur Legitimation von allem, was «historisch notwendig» ist. Zur Tyrannei der Zukunft über die Gegenwart, zur Verachtung früherer Generationen. Zu der Idee, dass man Menschen opfern darf für einen Prozess, der ohnehin kommt.
Wer die Geschichte auf seiner Seite hat, braucht keine Moral mehr. Das ist Totalitarismus. Lewis nimmt Nietzsche ernster, als die meisten Theologen es je getan haben, erkennt in ihm den konsequentesten Philosophen der postchristlichen Epoche, den Einzigen, der wirklich zu Ende denkt, was passiert, wenn Gott tot ist. Das Ergebnis ist der nackte Wille zur Macht.
So landet er bei Augustinus: «Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir.» Lewis ist kein Erfinder, er ist ein Entdecker der Moral. Nein, der Mensch kann den Geschichtsprozess nicht steuern, aber er kann mit seinem Verstand die moralischen Werte erkennen, die er nicht selber gesetzt hat. Das Mass des Menschen wird zum Unmass, sobald er sich aus den Bezügen und von den Werten löst, denen Lewis objektive Geltung zuspricht.
Im Engadin, wo die Sonne kühler brennt und der Lärm der Zeit sich dämpft, klingt Lewis’ Stimme nicht wie Geschichte. Sie klingt wie eine Diagnose von beunruhigender Aktualität. Wer die objektive Moral verwirft, muss einen anderen Grund finden, warum der Stärkere dem Schwächeren nicht einfach seinen Willen aufzwingen darf. Lewis hat im Christentum seine Antwort gefunden. Unsere fiebrige Zeit rennt immer noch den falschen Ersatzgöttern hinterher, in denen der Mensch, ins Groteske überzerrt, sich selber spiegelt.
R.K.
