Weltwoche Kommentar 17/26

Kommentar

Erdogans Triumph der Diplomatie

Das fünfte «Antalya Diplomacy Forum» war ein grosser Erfolg für die Türkei. Höhepunkte waren die Reden des türkischen Präsidenten und der fast zweistündige, melancholische Auftritt des russischen Aussenministers Lawrow, einer Dürrenmatt-Figur aus der Wirklichkeit. Bundesrat Cassis verteidigte die schweizerische Neutralität.
Roger Köppel

Antalya
D

ie gute Nachricht zuerst: Es wird noch miteinander geredet. Das «Antalya Diplomacy Forum» gibt es seit 2020. Seither hat es laufend an Profil und Bedeutung gewonnen. Über 5000 Teilnehmer aus mehr als 150 Ländern kamen diesmal in den türkischen Ferienort am Mittelmeer, darunter 20 Regierungschefs und über 50 Aussenminister, unter anderen Russlands saurierhafter Chefdiplomat Sergei Lawrow.

Drei Tage lang diskutierten die Exzellenzen über eine aus den Fugen geratene Welt, über die Kriege und Konflikte unserer Zeit, über den Zusammenbruch der «internationalen Ordnung» und den «Multilateralismus». Für den Gastgeber, den Türkei-Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, war es ein fulminanter Erfolg. Geschickt hat er sein Land in die Rolle eines diplomatischen Powerplayers von überregionaler Statur gerückt.

Cassis rühmt die Schweiz
Noch rümpfen sie in der EU die Nase. Aus dem vereinigten Europa waren nur wenige Delegationen vor Ort, aber es werden immer mehr. Seit 2022 ist die Schweiz dabei, stets vertreten durch ihren Aussenminister Ignazio Cassis, der auch diesmal Beziehungen pflegte und auf einem Panel auftrat. Sympathisch zurückhaltend, schweizerisch, machte er Werbung für eine Diplomatie von unten nach dem «Subsidiaritätsprinzip».

Moralismus ist eine Sackgasse des Denkens. Er macht auch dumm und überheblich, verhindert das Gute.

Die mittleren und kleineren Staaten, erklärte der Bundesrat, könnten sich nach Schweizer Vorbild «bottom up» durch zweiseitige Verständigung organisieren. In sein Plädoyer war, kaum hörbar, eine subtile Kritik an den raumgreifenden Strukturen verpackt, an den «supranationalen» Korsetten und Ritterrüstungen, die sich in der brodelnden Unsicherheit von heute oft als starr, unverlässlich und hinderlich erweisen.

War das eine verklausulierte Absage an die EU, für die sich ausgerechnet Cassis mit den von ihm propagierten Verträgen engagiert, irreführend «Bilaterale III» genannt? Der Aussenbeauftragte trat, wie wir erfahren konnten, hinter den Kulissen als Verfechter der schweizerischen Neutralität hervor. Die Schweizer Aussenpolitik hat wohl inzwischen realisiert, wie brandaktuell das oft totgesagte Instrument heute wieder geworden ist.

«Worte müssen an die Stelle der Waffen treten»: Gastgeber Recep Tayyip Erdogan (M.) mit dem pakistanischen Premier Scharif (r.) und Aserbaidschans Präsident Alijew.

Gratulation an die Türkei
Der Türkei muss man gratulieren für die Ausrichtung dieser immer wichtiger werdenden Plattform. Der faszinierende Staat am Bosporus mit seinem ewigen Präsidenten ist im Begriff, sich trotz Krisen, Anfeindungen und Sanktionen zu einem zentralen Pfeiler einer diplomatischen Renaissance aufzurichten. Erdogan, dieses sultanische Phänomen, gehört fraglos zu den bedeutenden Staatsmännern der Gegenwart.

Das wird jetzt alle zusammenzucken lassen, die Politiker ausschliesslich durch die mitteleuropäische Moralbrille beurteilen. Wir schlagen zur Abwechslung eine andere Sichtweise vor. Nennen wir sie ohne jede Geringschätzung die zoologische. Im Reich der wilden Tiere ist es erlaubt, einen Skorpion oder eine Hyäne interessant zu finden. Niemand erwartet bei einem Giftfrosch ein Werturteil nach dem Muster gut oder böse.

Vielleicht braucht es in unserer Welt der vielen Schurken, die daneben auch manches richtig machen, diesen moralfreien Blick. Und lehren uns nicht herausragende Institutionen wie das Internationale Rote Kreuz, dass es manchmal nötig ist, dem Teufel die Hand zu schütteln, um konkretes Leid zu verringern? Moralismus ist nicht nur eine Sackgasse des Denkens. Er macht auch dumm und überheblich, verhindert das Gute.

Glanzlicht des US-Botschafters
Bevor wir auf die politischen Schwergewichte kommen, muss der beeindruckende US-Botschafter in Ankara, Tom Barrack, erwähnt werden. Dieser von Donald Trump persönlich auch als Syrien-Beauftragter in den Mittleren Osten geschickte frühere Geschäftsmann lebte auf seinem Podium genau diese Tonlage der arroganzfreien Einfühlung in die explosiven orientalischen Mentalitäten vor.

Da war kein Smalltalk, kein «Äh», nur die eindringliche Rhetorik eines Meisters der Macht.

Selber Multimilliardär, Besitzer von Michael Jacksons «Neverland»-Ranch, war er in Saudi-Arabien tätig, ist aber auch mit der israelischen Seite auf Tuchfühlung. Ohne Gönner-Hochmut drückte er seine Wertschätzung für die Kulturen des Nahen Ostens aus. Die harte Rhetorik Erdogans gegen Israel sei aufgesetzt, für die Galerie. Nicht militärische Gewalt, nur «wohlstandsbasierte» Lösungen brächten den Frieden.

Wer wollte, konnte in Barracks Auftritt eine Kostprobe amerikanischen Pragmatismus sehen. Die Trump-Gegner werden aufjaulen und darin nur bodenlosen Zynismus erkennen, weil der Präsident gleichzeitig einen in vielen Augen sinnlosen Krieg gegen den Iran betreibt. Doch vielleicht sehen sie es falsch. Was, wenn Trump und Netanjahu Erfolg haben und das nahöstliche Friedenshindernis der Mullahs verschwindet?

Virtuos argumentierte der kahlköpfige USBotschafter. Er gab sich Mühe, auch den Syrern, deren Präsident Achmed al-Scharaa, ein ehemaliger Al-Qaida-Mann und Bewunderer des US-Basketballstars Michael Jordan, am Forum wie ein Rockstar bestaunt wurde, die ehrerbietigste Reverenz zu erweisen. Trumps «Abraham-Verträge» seien der seit langem vielversprechendste Schlüssel zu Frieden und Wohlfahrt.

Auftritt Erdogan
Und dann kam Erdogan. Kein Sessel war mehr frei. Vor der Bühne stauten sich die Eminenzen. Heldenhaft riefen die beiden Moderatoren zum Platznehmen auf. Doch gnädig ignorierten die Offiziellen ihren Wunsch. Für einen als autoritär geltenden Staat wie die Türkei, in dem Oppositionelle schon mal für ein paar hundert Jahre ins Gefängnis wandern können, wirkten diese Regelwidrigkeiten geradezu befreiend.

Schliesslich gaben die Gäste den Weg frei für den Gastgeber. Erdogan erschien schlanker als auch schon, aber voller Energie. Es gibt Gerüchte über eine Krankheit, Magenbeschwerden. Vor ihm stand ein Teleprompter, doch der Langzeitpräsident redete frei in gemeisselten, selbstbewussten Sätzen. Da war kein Smalltalk, kein «Äh», kein anbiederndes Lächeln, nur die eindringliche Rhetorik eines Meisters der Macht.

Atatürk und Islamismus
Recep Tayyip Erdogan führt die Türkei als Premierminister und Präsident seit über 23 Jahren. Es gibt zwar «Wahlen», aber dieser Staat ist keine Demokratie. Jedenfalls wurde er nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs von Neugründer Mustafa Kemal Pascha, genannt Atatürk, nicht als solche konstruiert, sondern als «Republik» von Staat und Militär. Den Islam drängte der Kriegsheld zurück, rabiat, unterwarf den Glauben der weltlichen Macht.

Atatürk glaubte nicht an die Gewaltenteilung, die er für widernatürlich hielt. Nur ein starker Führer könne die Türken leiten. Nach seinem Tod gab es immer wieder Staatsstreiche der Armee, wenn die Generäle das Gefühl hatten, die vom Volk gewählten Politiker trieben es mit dem Erbe Atatürks zu bunt. Erst Erdogan gelang es, die politische Autorität der Regierung auf den Pfeilern Volk und Armee putschfrei zu verstetigen.

Atatürk drückte die Modernisierung der Türkei mit der Brechstange durch. Auf Traditionen und vor allem die Religion nahm er keine Rücksicht. Erdogan ist der Atatürk des Islamismus, der vom Glauben herkommende Herrscher, der Staat und Religion, Zukunft und Herkunft auf eine dem türkischen Volk wohl insgesamt gemässere Form ausbalanciert, als dies der legendäre Gründer der modernen Türkei schaffen konnte.

Erdogan brachte den Islam zurück, die Seele, ohne die Macht des Staates, das Gehäuse, zu schwächen. Das ist seine Leistung. Wie es nach ihm weitergeht, weiss niemand. Noch hält der Stabilokrat die Zügel fest in der Hand, aber auch die Türken sehnen sich nach Wandel. Jedenfalls fällt es dem alternden Präsidenten nicht leichter, seine Wahlen zu gewinnen. Seine Machtbasis ist das gläubige Land. Die Städte sind gegen ihn.

Powerplayer der Diplomatie
Geschickt allerdings manövriert der alte Fuchs in diesen aufgewühlten, kriegerischen Zeiten, in dieser Anarchie der internationalen Verhältnisse seine Türkei aus dem Isolationskäfig der Sanktionen wieder in den Mittelpunkt der Geopolitik. Erdogan versucht sein Land als unverzichtbaren Vermittler zwischen West und Ost, Nord und Süd zu profilieren und sich selbst als Staatsmann von Gewicht, der mit allen reden kann.

Für Erdogan findet im Küstenstreifen der Palästinenser ein von der Uno tolerierter Völkermord statt.

Das war die Botschaft seiner Rede in Antalya. Seine Schneidbrenner-Rhetorik produzierte Klartext im Sekundentakt: Die Dynamik, die Schocks seien die Folge einer Neuverteilung der Macht. Doch wichtiger noch sei der «Bruch», die Krise der Macht, die Krise der Orientierung, die Krise der Moral. Die «selektive Gerechtigkeit» des Westens prangerte er an, die Gleichgültigkeit der Welt angesichts des Mordens in Gaza.

«Genozid in Gaza»
Für den türkischen Präsidenten findet im Küstenstreifen der Palästinenser ein von der Uno tolerierter Völkermord statt, ein «Genozid» mit 73 000 Toten, über 120 000 Verletzten und 23 000 toten Kindern. «Wir sehen, dass die internationale Ordnung schweigt», donnerte der Präsident. Eine Weltordnung, die «nicht einmal die Kinder schützen kann», sei nichts wert, eine Verneinung ihrer selbst, «ontologisch» tot.

«Die Welt ist grösser als die fünf Vetomächte im Uno-Sicherheitsrat», wiederholte Erdogan sein bekanntes Credo und plädierte für die Rückkehr der Diplomatie. «Worte müssen an die Stelle der Waffen treten», forderte er, aber Frieden sei kein «einflügliger Vogel». Alle Seiten müssten einbezogen werden. Schlecht weg kam Benjamin Netanjahu. Er habe den Krieg gegen den Iran provoziert. Israel sei pures Dynamit – gegen den Frieden.

Die Türkei sei bereit, mit allen zu reden. Erdogan bot sich auch als Schlichter für die Ukraine-Krise an, nachdem Trump sich jetzt andere Probleme aufgehalst habe. Im kommenden Juli empfängt die Türkei die Nato-Staaten in Ankara zum Gipfel. Man vergisst leicht, dass die Streitkräfte Erdogans innerhalb der Allianz die zweitgrössten hinter den Vereinigten Staaten sind.

In die gleiche Kerbe schlug Erdogans eleganter Aussenminister Hakan Fidan. Der bestens Englisch sprechende Erdogan-Vertraute diente zuerst als Unteroffizier beim türkischen Militär, unter anderem bei der Nato in Deutschland. Dann doktorierte er nach Studienaufenthalten in den USA in internationalen Beziehungen, wurde Leiter der türkischen Entwicklungshilfe, später Chefspion, seit 2023 ist er Aussenminister.

Fidan zündete keinen Rhetorik-Turbo, kritisierte die israelische Regierung aber scharf. Premier Netanjahu missbrauche die legitimen Sicherheitsinteresssen seines Landes für eine Politik der imperialistischen Landeroberung. Israel begehe in Gaza Kriegsverbrechen und sei heute die grösste Bedrohung für Sicherheit und Stabilität im Nahen Osten. Fidan forderte die Beendigung der «unprovozierten» Angriffe auf Iran.

Lawrow, bekennender Anhänger der schweizerischen Neutralität, ist auch eine Dürrenmatt-Figur.

Beherzte Fürsprecher Israels gab es auf den Antalya-Bühnen keine. Aber abseits der Kameras konnten wir uns mit einem europäischen Diplomaten unterhalten, der dem Judenstaat gewogen ist. Nach dem Hamas-Massaker, erklärte er, habe sich Israels Aussenpolitik markant geändert. An «Land für Frieden» glaube Jerusalem nicht mehr. Jetzt laute die Devise: «Mehr Land, mehr Sicherheit !»

Ob sich Israel damit einen Gefallen tue, sei zweifelhaft. Der Diplomat könne zwar die Triebkräfte und Motive hinter Netanjahus Strategie jetzt auch gegen Iran verstehen und halte sie für vertretbar. Doch den Frieden bringen werde die einseitige militärische Ausrichtung kaum. Sie produziere zu viel Ungleichgewicht, zu viel Feindschaft : «Wer Kriege anfängt, muss gewinnen. Sonst sollte er es bleiben lassen.»

Ukraine: Waffen an die Saudis
Nicht am gleichen Tag und auf der gleichen Bühne, aber immerhin an der gleichen Konferenz traten die Aussenminister der Ukraine und Russlands auf. Zuerst war Andrij Sibyha dran, ein schwergewichtiger Hüne mit Kuschelbärgesicht. Die Ukraine erwarte von Russland einen bedingungslosen Waffenstillstand. Territoriale Zugeständnisse seien ausgeschlossen. Sibyha gab sich überzeugt, dass Wladimir Putin seine Ziele militärisch nicht erreichen könne. 30 000 Mann verliere er pro Monat. Die Zeit spiele für die Ukraine.

Die Abwahl Orbáns in Ungarn nannte der ukrainische Chefdiplomat ein «Geschenk» und ein Signal gegen alle Ukraine-kritischen Parteien. Er erwarte jetzt eine schnelle Überweisung der blockierten 90 Milliarden Euro. Dann warb er für einen ukrainischen EU-Beitritt. Der sei im Interesse Europas, denn die Ukraine habe eine Armee von einer Million Soldaten, sei Drohnenspezialist und verfüge über viele wertvolle Rohstoffe.

Tatsächlich hat die einstige Sowjetrepublik, deren östliche Territorien inklusive der Krim lange zu Russland gehörten, dank dem Krieg und westlicher Hilfe eine erfolgreiche Rüstungsindustrie aufgebaut. Kürzlich war Präsident Selenskyj in Saudi-Arabien, nicht um Unterstützung zu holen, sondern um dem Kronprinzen ukrainische Waffen zu verkaufen. Für viele ist dieser Krieg ein Massengrab, für andere eine Goldgrube.

Lawrow: Intelligenz, Wehmut, Humor
Tags darauf stampfte Russlands altgedienter Aussenminister Sergei Lawrow auf die Bühne, ein Dinosaurier auch von der Erscheinung, einst drahtig und schlank, inzwischen gesetzt, von erheblicher Wasserverdrängung, mit einem Zug ins Schwerfällige. Doch alle, die den 76-jährigen Diplomaten kennen, reden nur mit grösster Anerkennung von ihm, loben seine überragende Intelligenz und seinen Humor.

«Wie geht es Ihnen, Sergei Wladimirowitsch?»
«Biologisch gut.»

Als die Weltwoche bei einem Fototermin den Aussenminister bat, angesichts des Ernsts der Lage eine ernstere Miene aufzusetzen, wehrte er mit einem Lachen ab und sagte: «Unmöglich, die Welt ist so absurd. Zu ertragen ist sie nur noch lachend.» Lawrow, bekennender Anhänger der schweizerischen Neutralität, ist auch eine Dürrenmatt-Figur.

Arroganzfreie Einfühlung: US-Botschafter in Ankara Tom Barrack.


Sympathisch zurückhaltend: Bundesrat Cassis mit dem türkischen Aussenminister Hakan Fidan.

Kein Feind des Westens
Sein knapp zweistündiger Auftritt in Antalya war das melancholisch-bittere Resümee eines Verfalls von grossen Hoffnungen. Auch Lawrow gehörte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den Jelzin-Wirren zu den Architekten einer neuen Freundschaft mit Europa und den USA. Man erinnert sich an Bilder des Aussenministers auf einem Balkon in «Basquiat»-T-Shirt und Shorts. So sieht kein Feind des Westens aus.

Der Moderator musste wenige Fragen stellen. Jede von Lawrows Antworten war mindestens zwanzig Minuten lang. Ansatzlos erzählt er mit seiner Baritonstimme vom Verrat des Westens nach dem Untergang der Sowjetunion. Man habe Russland versprochen, die Nato-Allianz keinen Zentimeter nach Osten auszudehnen, zwar nicht schriftlich, aber in Russland gälten ein Wort und ein Handschlag noch. «Unanständig», lautete sein Fazit.

Verrat der Sieger
Mahnungen und Proteste hätten nichts bewirkt. Also wurde 1999 in Istanbul ein völkerrechtlicher Vertrag besiegelt, um den alten Forderungen und Zusagen eine verbindliche Form zu geben. Das Abkommen – Teil II, Abschnitt 8 – hält tatsächlich fest, alle Unterzeichner, darunter Russland und die Ukraine, sind frei, militärische Bündnisse einzugehen, aber keine auf Kosten der Sicherheit eines anderen.

Das Vordringen der Nato auf ukrainisches Gebiet, spätestens aber die Installierung in Kiew eines antirussischen Regimes durch einen Staatsstreich mit westlicher Hilfe 2014 und die folgende Unterdrückung alles Russischen sowie die Verherrlichung des Nazismus mit Denkmälern Stepan Banderas durch die Regierung habe man in Moskau zwingend als eine gegen Russland zielende, feindselige Strategie deuten müssen.

Sabotierte Einigung in Istanbul
Putin habe noch bis 2021 versucht, die Krise diplomatisch zu lösen, doch die US-Regierung, Präsident Biden, Aussenminister Blinken, «zeigte uns die kalte Schulter». Jetzt sei Russland im Begriff, seine Sicherheit militärisch durchzusetzen. Lawrows Lagebeurteilung war das Gegenteil der Analyse seines ukrainischen Kollegen. Russland müsse nicht verhandeln, zwinge keinen, stehe aber bereit. Die Zeit spiele für Russland.

Der dienstälteste Chefdiplomat der Gegenwart erinnerte an die Verhandlungen von Istanbul 2022 kurz nach Beginn der Invasion. Die ukrainische Seite war bereit, die Neutralität zu akzeptieren, und habe einen Vorschlag unterbreitet, «den wir unterstützten». Doch die «Puppenspieler» in Washington und London hätten Selenskyj verboten, zu unterschreiben, um den Krieg gegen Russland weiterzutreiben.

Lawrow kramte auf einem Zettel ein paar Zitate des frühen Selenskyj hervor, als dieser noch unter dem Eindruck der Krim-Krise die Notwendigkeit betont hatte, die russisch sprachigen Minderheiten zu schützen, einen Ausgleich zu suchen mit Russland und keinesfalls eine Politik der Konfrontation betreiben zu dürfen. Bitter erinnerte Lawrow an einen Selenskyj, der das Gegenteil von dem erzählte, was er heute sagt.

Trump geht es ums Öl
Lawrow glaubt nicht, dass Trump im Iran eine alte Zivilisation zerstören wolle. Das sei nur Rhetorik. Es gehe ihm ums Öl wie schon in Venezuela. Auch in Zentralasien würden sich die Amerikaner heftig einmischen, um die alten Sowjetrepubliken von Russland weg- und zu sich zu locken. Man sei dabei, einen Block zu bilden. Mit der Ukraine, der EU und der Türkei gegen Russland und China. Mit Peking stehe ein Konflikt bevor.

Die Nato sei heute in schlechter Verfassung, argumentierte Lawrow. Er glaube, Trump wolle raus. Nach der Ausrichtung der Allianz gefragt, referierte Lawrow mit fotografischem Gedächtnis Aussagen des früheren Generalsekretärs Jens Stoltenberg. Der habe erklärt, von Peking gehe im Südchinesischen Meer eine Bedrohung aus, also müsse der Nordatlantikpakt sich dort engagieren. Die Nato werde so auf Angriff umgepolt.

Orbán: Demokratie vs. EU-Bürokratie
Originell war seine Beurteilung der Abwahl des ungarischen Premierministers Viktor Orbán. Der Moderator wollte wissen, ob Lawrow den Verlust dieses Vetopartners in der EU bedauere. Der Aussenminister verneinte. Orbán sei kein Willensvollstrecker Russlands gewesen, dieses Argument sei Unsinn. Gegen Orbán aber, den Vorkämpfer der Demokratie, habe sich die geballte Brüsseler Macht der Bürokratie entladen.

Er habe Orbán immer als einen Vertreter ungarischer Interessen empfunden, sagte Lawrow. Die EU habe ihn als Diener Russlands verleumdet, um die Demokratie zu delegitimieren, die Orbán gegen den wuchernden Bürokratismus einer von niemandem gewählten Brüsseler Funktionärskaste verteidigt habe. Orbán habe seine Stimme gegen die EU-Bürokratie und für die Demokratie erhoben. Darum habe ihn Brüssel bekämpft.

Krisen können jederzeit ausbrechen. Niemand ist mehr stark genug, allein Ordnung herzustellen.

Dass es zwischen Selenskyj und Orbán zum Streit kommen musste, sei logisch. Die Ukraine habe an Ungarn keine Rohstoffe mehr geliefert, angeblich wegen Pipeline-Beschädigung durch Russland. Doch bis heute verweigere Selenskyj der EU eine unabhängige Prüfung dieser Infrastruktur. «Selenskyj führt die EU», sagte Lawrow, und die EU verherrliche diesen «Verherrlicher des Nazismus».

Herrschaft der Lüge
Seit der Covid-Pandemie sei die Macht der Brüsseler Funktionäre laufend grösser geworden, «grösser als ihr Mandat». «Leider sind unsere Kollegen in Frankreich, Deutschland und dem Vereinigten Königreich nicht bereit, in Gespräche mit Russland einzusteigen.» Die Politiker hätten gegen Putin dermassen extreme Aussagen gemacht, dass man davon ohne Gesichts- und Glaubwürdigkeitsverlust nicht einfach runterkomme.

Die alte «regelbasierte Ordnung», sagte Lawrow, sei eine Lüge gewesen. Bei der Kosovo-Krise habe man sich im Westen auf den Grundsatz der «Selbstbestimmung der Völker» gestellt und den Angriff gegen Serbien legitimiert. Als die Russen der Krim und des Donbass sich auf dieses Recht beriefen, habe man es ihnen verweigert und plötzlich die «Unverletzlichkeit der Grenzen » für heilig erklärt. Mal so, mal anders.

Er habe gehört, merkte Lawrow ironisch an, die Amerikaner wollten in Gaza eine neue Riviera installieren. Dabei verstiessen sie gegen alle Uno-Entscheidungen und -Resolutionen. Es sei «die reine Willkür». Die «regelbasierte Ordnung» sei die Herrschaft eines «globalen Imperators» gewesen, der USA. Das sei jetzt vorbei, unwiderruflich durchschaut und nicht mehr akzeptiert.

«Die Amerikaner müssen ihre Herrscherallüren aufgeben», und die EU solle aufhören, sich hinter den USA zu verstecken, sagte Lawrow. Eine «multipolare Welt» nehme jetzt Gestalt an, denn die Globalisierung, die einst Freihandel, Fairness und Rechtsgleichheit für alle versprochen habe, sei von den USA ruiniert worden und gehe zu Ende. Neue wirtschaftliche «Krafthäuser» wie China und Indien würden auch politisch mächtig.

Stehen wir schon im dritten Weltkrieg? Müde stimmte Lawrow halbwegs zu. Das Wichtigste müsse heute die «Rettung der Leute», die Vermeidung von Todesopfern sein. Die EUAussenbeauftragte Kaja Kallas nahm er als abschreckendes Beispiel für die miese Qualität heutiger Politiker. Doch er gebe die Hoffnung nicht auf, dass die «klugen Europäer» den Wert ihrer Leader richtig einschätzen und durchschauen würden.

Wehmut unter dem Panzer
Zum Schluss kam Wehmut auf. Lawrow erinnerte sich an Begegnungen in seiner langen Laufbahn. Besonders warmherzig sprach er von Uno-Botschafterin und US-Aussenministerin Madeleine Albright, mit der er 1995 als junger Diplomat im New Yorker «Waldorf Astoria» eine Zigarre geraucht habe, «als es im Westen noch erlaubt war, in Freiheit eine Zigarre anzuzünden».

Über seine vielen westlichen Kollegen könne er nichts Schlechtes sagen. Mit Ex-Aussenminister John Kerry habe es viele hervorragende Gespräche gegeben. In diesen Momenten der Melancholie schimmerte unter dem Panzer des ewigen Diplomaten fast so etwas wie Verletzlichkeit durch, die Tragik des Politikers, der die internationalen Beziehungen, an denen er zeitlebens arbeitete, in die Brüche gehen sah.

Fazit: Das Antalya-Forum gewinnt laufend an Bedeutung. Die Welt wird unsicherer, Krisen können jederzeit ausbrechen. Niemand ist mehr stark genug, allein Ordnung herzustellen. Deshalb steigt der Bedarf an Diplomatie, müssen alle mit allen über alles intensiver reden.

Die Schweiz wäre als konsequent neutrales Land gefragter denn je. Es besteht Hoffnung, dass es auch in Bundesbern allmählich so gesehen wird.

R.K.

Cartoon: Kai Felmy

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