Amerika feiert Geburtstag
Und Präsident Trump ist nach wie vor der beste westliche Hoffnungsträger,
der einen immer unvermeidlicher sich abzeichnenden Krieg zwischen Europa
und Russland vielleicht noch verhindern kann.
Roger Köppel
ichts gegen die USA. Die Vereinigten Staaten sind das erfolgreichste Land der Welt, Sehnsuchtsort der unbegrenzten Möglichkeiten, ein Staatswesen, in dem letztlich die Fantasie regiert, im Guten wie im Schlechten, die Fast-Unendlichkeit der menschlichen Vorstellungen, nach denen jeder so weit kommen kann, wie ihn seine Leistungen tragen. Elon Musk, der Südafrikaner, ist einer dieser typischen US-Archetypen, konsequenterweise der reichste Mann der Welt.
Der Amerikaner, das ist der Mann, der dir die Frau ausspannt, aber immer noch dein bester Freund sein will, weil er ehrlich glaubt, sein Frauenraub sei am Ende im aufgeklärten Interesse aller Beteiligten. So hat es, unsterblich, Graham Greene in seinem klassischen Vietnam-Roman «Der stille Amerikaner» erkannt, den grandiosen amerikanischen Idealismus, der sich der Grausamkeiten naiverweise nicht bewusst ist, die er zu seiner Verwirklichung nötigenfalls auf sich nimmt.
Verbrecher, Fanatiker, Genies
Drei Personengruppen haben die USA vor 250 Jahren geprägt: Verbrecher, religiöse Fanatiker, Genies. Verbrecher: Ja, in die endlosen Weiten der Neuen Welt flohen manche, um Europas Galgen zu entkommen. Religiöse Fanatiker: Die übermotivierten Christen, die des festen Glaubens waren, näher beim lieben Gott zu stehen, reisten in ihren Schiffen an. Zu den Genies zähle ich die vielen Hochbegabten, vor allem auch Juden, die so gut waren, dass man sie in Europa verfolgte und umbrachte.
Amerika ist der Gegenentwurf, aber auch die Verkörperung all dessen, was Europa grossmachte: Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat, Marktwirtschaft und Christentum. Unter dem gegenwärtigen Präsidenten befürchten vor allem Amerikaner aus dem linken Spektrum, aber nicht nur dort, dass es mit den amerikanischen Werten gerade nicht zum Besten stehe. Andere wiederum sehen in Trump den Überamerikaner schlechthin, so hochdosiert und unverdünnt, dass die Amis in Trump ihren eigenen Anblick kaum ertragen.
Amerika bleibt eine Inspiration. Und eine Herausforderung, manchmal eine Zumutung, klar. Viel Wahnsinn kommt aus den USA über den Ozean nach Europa. Die politische Korrektheit, dieser neue Scheiterhaufen, und das unsägliche, selbstgerechte, jakobinische Kreuzzüglertum der «Woke»-Bewegung, die zum Glück an ihren eigenen Unerträglichkeiten zugrunde geht. Gleichzeitig sind die USA der Traum des Aufstiegs, der sozialen Mobilität. Da macht ihnen keiner etwas vor.
Amerika ist die Zukunft. Europa hat auch Geschichte und Vergangenheit. Das ist vereinfacht, aber nicht falsch. Die Stärke der USA ist das freundliche Angebot an alle, Amerikaner zu werden. Vielleicht denken die Amerikaner tatsächlich, sie seien so etwas wie die Vollendung aller menschlichen Möglichkeiten und jeder Mensch, hätte er die Wahl, möchte am liebsten Amerikaner werden. Dieser Idealismus, diese Naivität, ist eine ihrer grössten Stärken, aber auch eine ihrer grossen Schwächen.
Noch stark, aber nicht mehr stark genug
Das 20.Jahrhundert war das Jahrhundert der Amerikaner. Die USA stiegen zur Weltmacht auf durch eigene Leistung, aber auch wegen der Dummheit, der Arroganz, der Wohlstandsverwahrlosung sowie des bemerkenswerten Fanatismus der Europäer. Dass die USA dermassen mächtig und einflussreich wurden, kann man ihnen nicht vorwerfen. Die Europäer haben alles unternommen, um eine neue Grossmacht hervorzubringen, die erforderlich wurde, um die Europäer vor sich selber zu retten.
Heute sind die USA immer noch stark, aber nicht mehr so stark wie nach dem Ende des Kalten Kriegs. Sie waren die Gewinner, und der Sieg stieg ihnen in den Kopf. Sie sahen sich am Ende und auf dem Gipfel der Geschichte angekommen.

Der entsprechende Buchtitel eines berühmten Politologen wurde zur Chiffre, zur Erkennungsmarke einer amerikanischen Sendung, die in Arroganz umschlug und in viele Fehlschläge und in nicht wenige Kriege mündete.
Nicht mehr die USA alleine dominieren den Planeten. Die Chinesen haben auf-, vielleicht schon überholt. Trump hat gemerkt, wie sehr sich die USA unter seinen Vorgängern überdehnt haben. Sein Rückzug aus dem Ukraine-Konflikt ist das nüchterne Eingeständnis, dass die Amerikaner die imperiale Überstreckung des Westens korrigieren müssen. Doch während Washington im Zeichen des Realismus umdenkt, taumeln die europäischen Eliten blindlings in die Katastrophe.
Realitätsverlust und der «neue» Putin
Europa erlebt einen Totalausfall strategischer Vernunft. Seine Eliten haben sich ein abwegiges Narrativ gebastelt: Russland stehe wirtschaftlich und militärisch vor dem Kollaps, die Ukraine gewinne den Krieg, und jeder, der diese Meinung nicht teilt, wird zum Landesverräter oder Propagandisten Putins erklärt. Die Europäer verweigern nicht nur die Diskussion mit Russland. Sie würgen auch jede rationale Debatte unter sich selber ab. Das ist gefährlich. Europas Politiker befinden sich auf einem Blindflug in einen Krieg, dem sie nicht gewachsen sind.
Putin markiert derweil den Erzpragmatiker von Moskau. Seine jüngsten Reden und Interviews sind von aufreizender Gelassenheit. Man kann daraus eine ungebrochene Entschlossenheit erkennen, diesen Krieg zu einem für Russland siegreichen Ende zu führen. Entgegen westlichen Darstellungen rücke seine Armee vor. Der Versuch der Nato-Staaten, Russland strategisch zu schwächen, seine nationale Souveränität zu zertrümmern, sei gescheitert. Der Druck der westlichen Eliten auf die Russen nannte Putin «beispiellos». Nationale Einheit, Patriotismus, traditionelle Werte und wirtschaftliche Eigenständigkeit bezeichnete er als Grundlage für die künftige Entwicklung des Landes. Kein unfreundliches Wort war von Putin über Trump zu hören. Die eigentlichen Kriegstreiber sieht er in Berlin, London, Paris und Brüssel.
Von Diplomatie ist weniger die Rede. Moskau signalisiert unmissverständlich, dass es diesen Konflikt mit existenzieller Härte und bis zum logischen Ende durchziehen und keine Nato an seinen Ukraine-Grenzen akzeptieren wird. In den EU-Hauptstädten begreift man die Tragweite nicht. Man will sie nicht sehen, eingelullt in die Wahnvorstellung, die Atommacht Russland sei militärisch zu besiegen. Eine martialische Sprache soll reale Schwäche bemänteln. Finnlands Präsident Alexander Stubb redet offen davon, möglichst viele Russen zu töten, um den Krieg zu gewinnen.
Unter ihrem schwankenden Kanzler Merz setzen sich die Deutschen an die Spitze der Stellvertreterkrieger mit dem Ziel, die grössten konventionellen Streitkräfte in ganz Europa aufzubauen. In den Parolen offenbart sich ein neues politisches Maulheldentum, das den europäischen Nachkriegspolitikern fremd geblieben ist.
Unwort Frieden, Marsch in den Untergang
Der Krieg eskaliert von Tag zu Tag, befeuert durch westliche Waffenlieferungen und Drohnenangriffe tief im russischen Hinterland. Wie lange will man die Nukleargrossmacht Russland eigentlich noch reizen? Die europäischen Politiker wurden schon Schlafwandler genannt. Das sind sie nicht. Sie heizen auf offener Bühne zum grossen Krieg, während in Russland der Druck auf den Präsidenten steigt, den Samthandschuh auszuziehen. Die Russen sehen sich längst nicht mehr in einem begrenzten Konflikt mit Kiew, sondern in einem existenziellen Verteidigungskrieg gegen die kombinierte Macht der Nato, die die Ukraine als Rammbock nutzt, um Russlands Souveränität zu zertrümmern. Ähnlich verblendet marschierten schon Napoleon und Hitler in den Untergang.
Dass Männer wie Trump, Xi und Putin die gleiche Sprache der Realpolitik sprechen, ist ein Segen.
Müssen, können die Amerikaner und die Russen, einmal mehr, die kriegsverrückt, die irregewordenen Politiker in Europa vor sich selber retten? In Russland schwindet die Zuversicht. Die Moskauer Elite will keinen Krieg gegen die Nato. Aber sie ist bereit, ihn zu führen, wenn der Westen seine Politik der strategischen Schwächung Russlands nicht aufgeben will. Die Behauptung, Selenskyj wende das Blatt militärisch für sich, ist Wunschdenken. Die Russen rücken vor. Sie stehen vor den Toren der Festung Kramatorsk, in Konstantinowka sind sie bereits eingefallen. Sogar Charkiw und Odessa sind wieder bedroht. Je kriegerischer Europa redet, desto weiter werden Putins Truppen stossen.
Führende Nato-Staaten sind überzeugt, Russland bedrohe die Europäische Union. Auf diesen Krieg – man glaubt sogar, Putins Angriffstermine zu kennen – bereitet sich das westliche Bündnis nun anscheinend vor. Russlands Aussenminister Lawrow beteuert zwar, Russland hege keinerlei aggressive Absichten gegen Europa. Solche Behauptungen seien haltlos. Doch auf der westlichen Seite gelten Aussagen aus Russland, was auch immer sie besagen, ausschliesslich als Bestätigung der eigenen Logik militärischer Eskalation. Das ist der Stoff, das ist die Art «kognitiver Dissonanz», die in Europa den Ersten Weltkrieg, den am Ende niemand wollte, unvermeidlich werden liess.
Und was macht Trump, dieser Ronald Reagan des Kurznachrichtenzeitalters? Man kann nur hoffen, dass der US-Präsident seinen Einfluss für den Frieden in Europa geltend macht. Der Konflikt im Nahen Osten beherrscht zwar die Schlagzeilen, doch dieser Regionalkrieg hat nicht das Zeug, sich zum Weltkrieg auszuwachsen. Viel gefährlicher ist der UkraineKrieg, gerade weil in den USA und in Europa viele Mainstream-Politiker die Fähigkeit verloren haben, offen und vernünftig über Ursachen und Lösungen zu reden. Man ist auf westlicher Seite dabei, sich einzureden, dieser Krieg sei existenziell für die eigenen Interessen. Das ist er nicht. Umgekehrt geht es für Russland um viel mehr, um Sein oder Nichtsein Russlands als unabhängige bedeutende Macht.
Das 20.Jahrhundert war das Jahrhundert der Politik, der Ideologien, der scharfen Gegensätze, der Weltbürgerkriege, der Konfrontation zwischen West und Ost, zwischen Freiheit und Sozialismus. Das 21.Jahrhundert könnte das Jahrhundert der Wirtschaft sein, der Zusammenarbeit, der multipolaren, friedlichen Koexistenz.
Amerika ist nicht alles, aber Amerika bleibt eine Chance. Dass Männer wie Trump, Xi und Putin es miteinander können, die gleiche Sprache der Realpolitik sprechen, ist ein Segen. Ob es zum Frieden reicht, ist fraglich. Warum eigentlich stellen sich ausgerechnet die Europäer quer und klammern sich nibelungentreu an das Kiewer Regime, das den Kontinent in einen globalen Flächenbrand hineinzuziehen droht? Anstatt als Brücke zwischen West und Ost zu wirken, verzetteln sich Europas Eliten in einen politischen, vielleicht bald militärischen Zweifrontenkrieg gegen Washington und Moskau. Trump, der Pragmatiker und Realist, ist wohl oder übel und nach wie vor der letzte beste Hoffnungsträger, den der Westen hat.
R.K.
