Traumpaar Infantino-Trump
iese Fussball-WM ist die beste Nachricht der Gegenwart, spannende Spiele, tolle Atmosphäre, wahnsinnig gute Aussenseiter, dramatische Entscheidungen. Wie wir in der letzten Ausgabe berichtet haben, ist es ein Triumph vor allem für einen Mann, den Schweizer Gianni Infantino, den Unterschätzten aus dem Kanton Wallis, der in der Entwicklungslinie seines Vorgängers Sepp Blatter das Friedenspotenzial der Fifa zündet: Fussball als die wirksamste Gegendroge in einer Welt des kriegerischen Wahnsinns.
Ja, es stimmt. Infantinos Entscheid, die Fussballdosis zu erhöhen, das Teilnehmerfeld von 32 auf 48 zu pushen, war goldrichtig, ein massierter Angriff auf die trübe Weltlage mit der Folge, dass in der Vorrunde so viele Spiele gespielt wurden, dass die Kriege in der Ukraine und im Iran, die miesen Zahlen Deutschlands und das nicht mehr endenwollende EU-Deprotainment durch Infantinos fussballerisches Full-Court-Pressing aus den obersten Schlagzeilen in die zweite Reihe stürzten.
Der Fifa-Chef musste mächtig Prügel einstecken, Kritik, Häme, die immergleichen Verrisse. Es ist die alte Leier seit Journalistengedenken. Noch nie freuten sich die Medien auf eine WM, ihre Vorschauen waren Abgesänge, schon bei Vorgänger Blatter, bei Infantino doppelten sie nach, die geballte Freudlosigkeit einer Branche, die ihre Leser in den Trübsinn oder in den Selbstmord treiben will. Erinnern wir uns noch an Katar? Ausbeutung, Hitzetod, Misshandlung von Transgender-Menschen.
Am Ende resultierte eine WM der Superlative ohne Gewalt und besoffene Engländer. Die Katarer erwiesen sich als brillante Gastgeber in der Ufo-Landschaft ihrer Hotelanlagen und an einer WM auf allerengstem Raum. Doch die US-Spiele toppen alles, an Begeisterung, Spielfreude, Lebensenthusiasmus, die ideale Party zum 250.Geburtstag des erstaunlichsten Staats der Welt, der, was seine Faszination nur mehrt, derzeit von einem Mann regiert wird, der wohl nirgendwo sonst hätte Präsident werden können.
Das ist kein Vorwurf. Das ist ein Lob. Ein dreifaches Hurra auf die Vereinigten Staaten von Amerika! Trump ist der lebende Beweis für die Grossartigkeit dieses Landes, denn mit der zweimaligen Wahl des Blonden bewiesen die Amerikaner ihren Sinn für Freiheit, für geistige Unabhängigkeit. Sie haben Trump gewählt, obwohl ihnen alle etablierten Instanzen davon abrieten, ja sie regelrecht beschworen, alles zu wählen, nur nicht Trump. Sie taten es trotzdem. Bravo. Das ist der rebellische Geist von 1776! Trump ist nicht perfekt. Er ist ein Phänomen. Er fasziniert. Und es spricht für Gianni Infantino, diesen Trump des Fussballs, dass er sich nicht abschrecken liess von der naserümpfenden Überheblichkeit, mit der hiesige Apparatschiks auf den stets für eine Überraschung guten US-Präsidenten herabzuschauen pflegen. Dass Infantino geradewegs auf Trump zusteuerte, ihn eroberte, ihm irgendeinen Orden verlieh und so den Weg freipfadete für eine galaktische WM – Kompliment, das ist Diplomatie vom Feinsten.
Und natürlich pures Gift für unsere Journalisten. Trump, Fifa, Infantino: Nur Putin fehlt noch in diesem Molotowcocktail der Empörung. Ich bin sicher, die drei Herren würden sich prächtig verstehen, und vielleicht muss man tatsächlich eine der nächsten Fussball-Weltmeisterschaften in Russland und in der Ukraine buchen, der Final im Trump-Stadion von New York mit einem Ball aus purem Gold. Spass beiseite: Trump und Fifa-Infantino, das allein ist zu viel für den journalistischen Betrieb. Die Medien lauerten. Zerknirschung breitete sich aus aufgrund des im Vorfeld kaputtgeschriebenen, nun aber plötzlich so wundersam erfolgreichen Turniers. Was nur konnte ausgegraben werden, um den verzweifelt gesuchten Skandal irgendwie doch noch herbeizuschreiben? Richtig: Telefon-Gate. Das Drama um einen amerikanischen Rotkarten-Fussballer, den die Disziplinarkommission der Fifa begnadigte nach einem Telefonat zwischen Trump und Infantino. Korruption! Hochverrat!
Ich wage eine Prognose: Die Affäre wird als Ente enden. In einer Woche kräht kein Hahn danach. Die Story sagt mehr aus über die Einstellung der Medien zum Fifa-Präsidenten als über den Sachverhalt, den sie zum Skandal aufblasen. Warum ich das weiss? Nennen wir es sportjournalistische Intuition. Der begnadigte US-Fussballer ist die Waffe, mit der die Medien ihren Krieg gegen den eigentlichen Feind austragen: die Männerfreundschaft Infantino-Trump, die uns eine geniale WM bringt.
Ich wage eine Prognose: Die Affäre wird als Ente enden. In einer Woche kräht kein Hahn danach.
Trump und Infantino sind ein Dream-Team. Man kann nur hoffen, dass Bundespräsident Guy Parmelin das diplomatische Potenzial in seinem Zollkonflikt mit der US-Regierung nutzt. Als kriegsgeschädigter Journalist, der sich grosse Sorgen macht angesichts der Eskalation in der Ukraine, ist diese WM, sind Trump und Infantino Lichtblicke für mich, Aufsteller, und der Fussball eine Friedensmacht, wenn Infantino die Russen endlich wieder aus der Kälte zurückbringt. Mit den Junioren macht er bereits den Anfang.
Vielleicht sollte Trump seine nächste Ukraine-Runde mit Putin um Infantino erweitern. Der schlaue Schweizer, eine Frohnatur, könnte der bleiernen Ausweglosigkeit eine frische Note der Entkrampfung weisen. Im Streit spielt der menschliche Faktor eine grosse Rolle, nicht die einzige, aber eine wichtige, und solange die Kanonen des Sommers dröhnen, muss man auch jede noch so entlegene Idee, die den Frieden etwas näherbringen kann, zumindest in Erwägung ziehen.
R.K.
