Infantino der Herzen
New York
um Glück gewannen am Schluss die Spanier. Argentiniens Antifussball der unkreativen Zerstörung zündete nicht. Superstar Lionel Messi, der geniale Autist dieses Sports, blieb zum Abschluss seiner internationalen Laufbahn, von seinen Kollegen unrühmlich begleitet, blass. Die Südamerikaner mauerten, foulten, jammerten, spielten auf Elfmeterschiessen, in der lauernden Hoffnung, durch Glück, vielleicht einen einsamen Konter, einen raren Fehler des Gegners, irgendwie dann doch noch einen Treffer in der ordentlichen Spielzeit reinzuwürgen. In der Verlängerung war es hingegen der eingewechselte Iberer Torres, der mit einem satten Hammerschuss unter die Latte diesen WM-Final vor 80 000 Zuschauern im Giants-Stadion von New Jersey verdientermassen für sein Land entschied.
Das Endspiel war das Kräftemessen zweier Teams, die auf keinen Fall verlieren wollten. Die Spanier monopolisierten den Ball durch fast perfektes Mannschaftsspiel. Die Argentinier operierten aus dem Reduit mit asymmetrisch unfairen Guerilla-Attacken auf den Gegner, aber ohne Schuss aufs Tor. Es war kein Match der orgiastischen Spielfreude, dafür die Krönung einer WM der Superlative mit Schweizer Herz und Präzision. Es war nicht nur die beste, es war auch die längste WM aller Zeiten mit 39 Tagen, 48 Mannschaften, 104 Spielen und der symbolträchtigen Dramaturgie – vom Aztekenstadion in Mexiko, dieser Kathedrale des Weltfussballs, wo einst Pelé und Maradona zauberten, bis zum Grande Finale in der Welthauptstadt New York. Gross war die Wehmut, als sich die globale Fussballfamilie am Abreisetag wieder in alle Himmelsrichtungen zerstreute.
Während über eines Monats lieferte uns dieses Turnier die perfekte Illusion einer in spielerischer Harmonie nahezu vereinigten Welt, das inspirierende Gegenbild zum Stress der Wirklichkeit, die von Kriegen, Konflikten, Rezessionen und jeder Menge schlechter Laune geprägt ist. Niemand würdigt die ungeheuerliche logistische Leistung des Weltfussballverbands Fifa unter seinem Präsidenten Gianni Infantino. Das muss man zuerst einmal hinkriegen, diese wie am Schnürchen laufende Organisation einer Sportveranstaltung solchen Kalibers in drei Staaten auf einem halben Kontinent. Zwischen den Stadien von Vancouver und Miami liegen 4500 Kilometer Luftlinie. Noch am Finaltag lächelte sich Fifa-Infantino federnd, hände schüttelnd und nimmermüde durch die nicht enden wollenden Reihen seiner Gratulanten.
Dieser diskrete Diplomat der Lebensfreude bändigte am Schluss auch Trump.
Infantino, dieser diskrete Diplomat des Herzens und der Lebensfreude, der aus der Grauzone des europäischen Dachverbands Uefa andie Spitze des Weltfussballs aufstieg, bändigte am Schluss auch Trump. Fast handzahm folgte der verhaltensauffällige US-Präsident den Regieanweisungen des Wallisers italienischer Abstammung. Als die Spanier, das beste Team der Welt, ein Uhrwerk-Ensemble nicht der Egozentriker, sondern der Zusammenspieler, im Goldregen badeten, drängte sich Trump ins Rampenlicht. Doch Infantino zupfte den Präsidenten so diskret und bestimmt am Jackett, dass er den mächtigsten Mann der Welt wie ein Raubtierdompteur aus der Manege führte. Das war Diplomatie vom Allerfeinsten. Offensichtlich hatte Infantino den rasch gelangweilten Trump bei bester Laune gehalten, selbst in den vielen flauen Phasen des Spiels.
Die Schweiz dämmert in der Luxusnarkose. Darum verscherbeln wir das Erbe unserer Vorfahren. Darum schlittern wir in die EU. Darum geben wir die Neutralität preis. Zur allgemeinen Dekadenz gehört aber auch die überhebliche Geringschätzung gegenüber der in Zürich domizilierten Fifa, die nach der Ära Blatter erneut von einem Schweizer geführt und von vielen Schweizern geprägt wird. Die Fifa könnte eine heimliche Schweizer Wunderwaffe in diesen Zeiten des Kriegs und der internationalen Krisen sein. Infantino hat keine Macht im klassischen Sinn, aber viel «Soft Power». Er ist eine wandelnde Visitenkarte unseres Landes, und mit seiner Botschaft, Fussball sei dem Frieden dienlich, deshalb seien auch die Russen zurückzubringen, hat er mehr von Politik und Neutralität verstanden als mancher Bundesrat.
Doch die Medien und unsere internationalen Vertreter wie der abgehobene Europarat-Generalsekretär Alain Berset ziehen es vor, sich im Chor die Schuhe an der Fifa und an Infantino abzuputzen. Der Präsident des Weltfussballverbands sollte sich davon nicht beirren, schon gar nicht in einen Schmollwinkel drängen lassen, sondern einfach weitermachen mit der guten, erfolgreichen Arbeit. Nein, die Fifa ist nicht die Weltkirche des Fussballs, und ihre Funktionäre sind keine Kardinäle des grünen Rasens – auch wenn sich manche schon so benommen haben –, aber die Fifa ist eine zweifellos wichtige internationale Organisation, die helfen kann, Schützengräben und Konflikte fussballerisch zu überbrücken, Gemeinsamkeiten und schöne, lebensprägende Erlebnisse zu schaffen, wenn es die Welt am nötigsten hat.
Hoffentlich bleibt die Fifa noch lange in Schweizer Hand. Sie ist eines der wenigen internationalen Gremien, in denen es Schweizer an die Spitze bringen können. Der Petri-Stuhl in Rom ist ausser Reichweite. Einen Schweizer Uno-Generalsekretär hat es noch nie gegeben. Das Fifa-Präsidium erfordert viel Geschick, produziert Neid und Begehrlichkeiten, auch deshalb, weil es um sehr viel Geld geht. Der Druck und die Verlockungen sind so gross, dass die mächtigen Nationen der Welt sich diesen Posten wechselseitig missgönnen. Wohl auch darum vertraut man ihn nach Blatter nun schon zum zweiten Mal einem Schweizer an, auch deshalb, weil wir neutral sind und es mit der Muttermilch aufgesogen haben, unterschiedliche Mentalitäten und Meinungen auszubalancieren, ohne uns selber in den Vordergrund zu drängen.
Mit der Fifa bekommt die Schweiz eine weitere Chance, zu beweisen, warum es sie braucht, warum dieses faszinierende Land im Herzen Europas ganz besondere Charaktermerkmale in seinen Bewohnern ausprägt. Schweizer sind, solange die Schweiz die Schweiz bleibt, gleichsam von Natur aus geeignet, in heiklen Kampfzonen – der Weltfussball ist eine – durch Bescheidenheit, Verlässlichkeit und hohe Organisationskunst einen Zustand relativer Harmonie herbeizuführen. Wie das geht, haben uns Gianni Infantino und sein hervorragendes Team in den letzten fünfeinhalb Wochen beeindruckend vorgeführt. Unfehlbar ist niemand, und wo so intensiv gearbeitet wird, passiert auch Unerwünschtes. Wer ohne Tadel ist, der werfe den ersten Stein. Alle anderen werden allen Mannschaften und den WM-Organisatoren von Herzen gratulieren.
R.K.
