Reden mit Putin
ann es sein, dass sich die Überlebensinstinkte Europas doch noch regen? Der Kontinent ohne Rohstoffe steht seit über vier Jahren im Krieg mit dem rohstoffreichsten Land der Welt. Das allein ist eine Gleichung, die jeden Feldherrn unweigerlich zur Friedenstaube machen müsste. Krieg gegen Russland ist Selbstmord. Russland kann militärisch nicht besiegt werden. Alle Verrückten und Grössenwahnsinnigen, die sich über diese Erkenntnis der Geschichte hinweggesetzt haben, sind brutal bestraft worden, vor allem ihre für solche Pläne missbrauchten Völker.
Die Amerikaner haben es gemerkt. Es brauchte den US-Präsidenten Donald Trump, über den sie in Brüssel gerne lächeln, um den Europäern vor Augen zu führen, dass man mit dem russischen Staatsoberhaupt Putin nicht nur reden kann, sondern reden muss. Natürlich haben die USA kein nationales Interesse an einem allzu starken Russland. Und die wirtschaftliche Annäherung zwischen Berlin und Moskau war ihnen von Anfang ein Dorn im Auge. Darum zerstörten die USA die NordStream-Pipeline oder liessen sie zerstören, Symbol und Hauptschlagader der europäischrussischen Symbiose.
Divide et impera. Doch Trump sah ein, dass seine Vorgänger zu weit gingen. Sie trieben Russland in die Arme der Chinesen, vereinigten das grösste Rohstofflager mit dem innovativsten Zukunftslabor. Die notgeborene chinesisch-russische Zweckehe ist im Licht der amerikanischen Interessen viel gefährlicher als die im Vergleich dazu harmlose romantische Liaison, die es zwischen den Russen und den Deutschen gab. Erstaunlich ist, wie lange schon die EU, wie lange vor allem die Bundesrepublik ihrer Ausblutung, ihrer Ausplünderung zusieht, trunken im Moralinrausch, blind fürs eigene Interesse.
Nun allerdings könnte sich eine interessante Wende ergeben. Vielleicht ist es noch zu früh für definitive Urteile. Aber unter dem Verwesungsgeruch absterbender Industrien und sich am Horizont schon abzeichnender Arbeitslosenheere scheinen die Eurokraten, scheinen die politisch schwer angeschlagenen Staats- und Regierungschefs von Frankreich, Grossbritannien und Deutschland endlich bereit, über den eigenen Schatten zu springen und das bis vor kurzem Undenkbare zumindest zu erwägen: dem Leibhaftigen im Kreml unter die Augen zu treten und mit ihm zu reden.
Früher nannte man es Diplomatie. Aber in der Ära unseres wohlstandsverwahrlosten Gutmenschentums ist es untersagt, einem Individuum, dessen Meinungen man nicht in jeder Hinsicht befürwortet, überhaupt nur die Hand zu schütteln. In diese Form von anmassender Abgehobenheit haben sich Europas Eliten in Politik und Medien regelrecht eingebunkert. Selbst die kleine Schweiz vergass im allgemeinen Sturm der kopflosen Rechthaberei ihren wichtigsten aussen- und sicherheitspolitischen Grundsatz: die immerwährende, bewaffnete und umfassende Neutralität.
Erleben wir jetzt ein allmähliches Verdampfen des realitätsfernen Moralismus? Ist die Politik in Europa angesichts der zahllosen Nahtoderfahrungen der Wirtschaft, der Trostlosigkeit der Aussichten und eines überall drohend anschwellenden Unmuts bei den Wählern – aufgrund also des unübersehbar gewordenen und nicht mehr zu leugnenden Scheiterns der eigenen Strategie in die akute Notlage versetzt, schlussendlich doch noch zu tun, was von Anfang an richtig gewesen wäre? Nämlich mit Putin das Gespräch zu suchen und den Krieg diplomatisch zu entschärfen?
Auf einmal sind sich Macron, Starmer und Merz einig, dass man Putin treffen müsse. Der finnische Präsident Alexander Stubb bringt sich als Unterhändler ins Gespräch. Sie tun es nicht, weil sie plötzlich vom Licht der Erleuchtung geküsst worden wären. Sie tun es, weil sie eingesehen haben, dass ihr bisheriger Weg in den Abgrund führt. Allenfalls bewegen sie sich auch deshalb, weil sie in Vorahnung des russischen Siegs rechtzeitig noch die Fahnen wechseln, sich abwenden vom überschätzten Selenskyj, der alles daran setzen muss, die Nato und die EU in seinen Krieg hineinzuziehen.
Es kann sein, dass sich die EU allmählich fragt, warum sie Selenskyj immer noch dabei hilft, militärisch Russland zu bezwingen, wo doch der ukrainische Staatschef selber bereits Ende 2024 entwaffnend zugab, die Ukraine sei nicht in der Lage, die Russen aus den besetzten Gebieten zu vertreiben. Haken wir ketzerisch nach: Warum setzt Selenskyj einen Krieg fort, dessen Ziele er längst für verloren gibt? Bohren wir tiefer: Warum eigentlich unterstützen die Europäer, unterstützt die EU, unterstützt die Schweiz eine Kriegspartei, die ihre Kriegsziele erklärtermassen nicht mehr erreichen kann?
Vielleicht sind die Widersprüche und Ungereimtheiten einfach zu offensichtlich geworden. Allerdings gibt es einen anderen entscheidenden Punkt, fast schon eine ironische Pointe. Die späte Knospenblüte einer möglichen diplomatischen Renaissance Europas hat vor allem auch damit zu tun, dass sich Donald Trump aus dem Ukraine-Krieg zurückzog und seine flüchtige Aufmerksamkeit dem nahöstlichen Treibsand zuwendet. In dieses Vakuum vorübergehender amerikanischer Absenz stossen nun Macron, Merz, Starmer und Stubb. Hoffen wir, dass sie Erfolg haben werden.
Um ihren Gesichtsverlust zu kaschieren, behaupten die früheren Gesprächsverweigerer, Putin pfeife aus dem letzten Loch. Wahr ist, dass der russische Präsident von sich aus und einmal mehr seine Gesprächsbereitschaft signalisierte, als er den deutschen Ex-Kanzler Schröder vor kurzem als Verhandler ins Spiel brachte «oder jemand anderes». Wenn es den politisch am Untergang herumlaborierenden EU-Regierungsvorsitzenden hilft, sich mit der Vorstellung zu motivieren, sie stünden kurz davor, diesen Krieg zu gewinnen, so sei’s drum. Hauptsache, man sitzt wieder zusammen an einem Tisch.
Bei der Schilderung dieser Entwicklungen ertappt man sich als Aussenstehender beim Gedanken, dass sich die Europäer im Rückblick vielleicht einmal glücklich schätzen müssen, dass in diesen brenzligsten Momenten der europäischen Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg im Kreml ein Mann sass, der zum Glück einen weit kühleren Kopf und mehr Vernunft bewies als all die Politiker, die sich ihm so unendlich überlegen fühlten. Mutiert Kriegsherr Putin gar zum Friedensmacher in Europa? Nichts an diesem Krieg ist so verrückt, als dass es nicht passieren könnte.
R.K.
