Weltwoche Kommentar 18/26

Kommentar

Wo sind die Friedensmacher?

«Der blutige Schlamm mongolischer
Sklaverei [. . .] war Moskaus Wiege.»
Karl Marx, 1856
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ie Welt tobt im Krieg. Putin steckt in der Ukraine fest. Trump droht sich im Labyrinth des Nahen Ostens zu verlieren. Der Präsident, der antrat, keine Kriege anzufangen, aber alle zu beenden, führt seine Truppen aus Washington, nach Venezuela, nun schon zum zweiten Mal in die Schlacht. Der Ausgang ist ungewisser denn je.

Wo sind die Friedensmacher? Trump ist keiner mehr. Putins Stern als Meister des vierdimensionalen Schachs verblasst. Aber auch dieser merkwürdige Held des Westens, Selenskyj, reist heute als Waffenverkäufer und nicht als Friedensstifter durch die Welt. Eben war er in Saudi-Arabien, um Drohnen feilzubieten.

In Ankara steht Erdogan bereit, der ewige Präsident der Türkei, der scheinbar alles überlebt: Sanktionen, Inflation, einen Staatsstreich, den wachsenden Unmut seiner Bürger. Geschickt balanciert er auf der Diplomatiebühne, doch die Sprache des Vermittlers verlässt ihn, wenn er auf Israel zu sprechen kommt.

Nein, dieser Rhetorik-Flammenwerfer ist nicht der Mann, der das Feuer im Nahen Osten löschen kann. Zu viel Benzin giesst er da laufend selber nach, heizt mit an der Lava-Stimmung gegen den Judenstaat. Da wären andere Unterhändler gefragt. Bereits kommt die Rede auf China. Bringt Xi Jinping den Frieden auf die Welt zurück?

Es wäre zu wünschen, doch hat man den Eindruck, die Chinesen schauen nach einem 150-jährigen Höllenritt von Staatszerfall, Kolonialherrschaft und Mao-Blutbad erst mal für sich selbst. Wie goldene Schlingpflanzen legen sie Handelswege, Seidenstrassen und alle möglichen Verträge aus, ein Schleppnetz zum Fischen von Wohlstand.

Israel, der belagerte Kleinstaat in feindseliger Umgebung, verkämpft sich an vier Fronten. Sein Premierminister Benjamin Netanjahu weiss Kriege anzufangen, aber nicht, sie zu beenden. Nach dem Massaker der Hamas hatte er jedes Recht sich zu wehren, doch seine Strategie kostet zu viele unschuldige Menschenleben.

Womit wir bei der eigentlichen Tragödie angekommen wären: bei Europa. Der alte Kontinent, die Alte Welt, dieses Mausoleum seiner selbst, das überall den Anschluss verliert. Die Wirtschaft sackt ab. Die Bürokratie drückt wie Blei. Nur die Politiker blühen auf, als ob nichts wäre, spielen, plustern sich auf zu nimmermüden Welt-Schulmeistern.

Dabei wäre doch gerade unser gutes altes Europa, dieser Friedhof einstiger Supermächte, wie keine andere Region geeignet, in einer Welt, die aus dem Häuschen ist, die Seelen wieder einzurenken, die Streithähne zu beruhigen, die Kriegsparteien an einen Tisch zu bringen, auf dass sie die Waffen niederlegen.

Das ist mehr als Feuilleton. Europa hat Erfahrung mit Vielfalt, Streit und Krieg. Man hat die ganze Geisterbahnfahrt von Aufstieg und Höllensturz durchlebt. Aus der Erfahrung der totalen Niederlage hat sich der Kontinent wieder aufgerappelt, und selbst die heutige Dekadenz illustriert ja nur den Erfolg, den man so eindrücklich erzielte.

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ank dieser Geschichte von Grösse und Verfall haben die Europäer, was den selbstbewussten Amerikanern fehlt: Sie wissen, was es heisst, die Welt von unten zu betrachten. Sie haben den Vorteil der Gebrochenheit. Darum wären sie als Friedensstifter geeignet. Sie müssen nichts mehr beweisen, nichts mehr sein.

Doch Ungarns Orbán ist weg, der Friedenspremier, und die übrigen Europäer machen nichts. Die Schweiz? Sie schwimmt mit im Sumpf. Der Kleinstaat wurstelt sich durch. Das ist kein Spruch. Das ist die offizielle Staatsdoktrin. Ihr Aussenminister, Ignazio Cassis, deklariert es ganz offen: Nur «durchwursteln» führe zum Ziel. Wenn man denn eins hat.

Im Klartext heisst das: Der Schweizer Bundesrat hat nicht die Kraft, zur Schweiz zu stehen. Hätte man sie, würde man dem Ausland sagen: Die Schweiz regiert sich selbst. Die Schweiz kontrolliert ihre Grenzen. Die Schweiz kann sich selber verteidigen. Die Schweiz ist unabhängig. Sie duldet keine fremden Vögte. Die Schweiz ist neutral.

Das zu sagen, das zuzugeben, davor haben die Bundesräte Angst. Mit anderen Worten: Sie schämen sich, jenen Verfassungsgrundsätzen nachzuleben, auf die sie einen Eid geleistet haben. Das ist bemerkenswert. Vor allem ist es feige. Und es ist, sagen wir es deutlich, ein Verrat an jenem Land, dem sie dienen dürfen.

Doch wir waren bei der Weltpolitik, bei Krieg und Frieden. Einst fanden die grossen Konferenzen in der Schweiz statt, in Bern nach dem Koreakrieg, in Genf immer wieder während des Kalten Kriegs. Ohne sich über Gebühr wichtigzumachen, diskret, bot man den Streithähnen die Bühne, auf der sie ihre Differenzen friedlich beilegen konnten.

Nicht mehr. Oder fast nicht mehr. Es gibt seltene Ausnahmen. Aber vielleicht ist gerade der Weg der Schweiz, dieses friedlichsten aller Länder, für die heutige Zeitstimmung, für die Friedensunfähigkeit der Gegenwart am bezeichnendsten. Nicht einmal mehr die Schweiz ist stark genug für die Neutralität, für den Frieden.

Stattdessen macht sie mit im Krieg. Nicht mit konventionellen Waffen, aber dafür mit einer der heimtückischsten: dem Hunger, der Wirtschaft, den Sanktionen. Die Bundesräte nennen es Pragmatismus. Aber es ist Feigheit, auch hier. Weil man sich fürchtet, zur Schweiz zu stehen, zu ihrer Neutralität, lässt man sich fallen in den Krieg der anderen.

Nehmen wir diese Schwäche, diese Neutralitätserschlaffung, diese Schweizmüdigkeit als Symptom für das grosse Malaise in Europa: die Unfähigkeit, sich der mörderischen Kriegsdynamik zu entziehen. Trump war ein Hoffnungsträger, doch auch er fiel um. Putin, der Missverstandene, droht sich selber auf dem Schachbrett mattzusetzen.

Vielleicht ist tatsächlich Xi, dieser seltsame Kaiser von China mit dem unlesbaren Gesicht, die letzte Hoffnung auf einer kriegsbesoffenen Welt. Oder sind es am Ende die Völker, dieser riesige Ameisenhaufen an Menschen, die sich von ihren Führern längst abgemeldet haben und herbeisehnen, was die da oben ruinieren: den Frieden.

R.K.

Cover-Illustration: Weltwoche

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