Weihnachten, die Bibel und Jacques Baud
Die EU verletzt schwerwiegend die Menschenrechte des Schweizer Generalstabsobersten Jacques Baud. Bundesrat und Behörden lassen den angesehenen früheren Staatsdiener im Stich. Das ist ein Armutszeugnis für die Schweiz. Trotzdem bleibt weihnachtliche Zuversicht vernünftig.
Roger Köppel
igentlich wollte ich hier einen Leitartikel im Zeichen von Weihnachten schreiben. Dafür gäbe es weiterhin gute Gründe. Die unglaubliche Geschichte, von der die Bibel erzählt, handelt von Gott, dem Allmächtigen, Überwinder des Nichts, Schöpfer des Universums, der sich dem Menschen offenbart in Gestalt nicht eines Schwarzenegger-mässigen, muskelbepackten Übermannes oder Zauberers, sondern als wehrloses, verwundbares Baby, das in einem Kuhstall in Betlehem zur Welt kommt.
Jesus, der spätere Christus, versammelt eine wachsende Gemeinde von Jüngern und Anhängern um sich, vollbringt Wundertaten, verkündet Weisheiten, strahlt eine Macht aus, die so überwältigend gross ist, dass er, anstatt seine Peiniger von der Erdoberfläche zu fegen, darauf verzichtet, als er sie am nötigsten hätte, zum Zeitpunkt seiner Hinrichtung, der Kreuzigung, der damals, in der römischen Antike, schändlichsten Form des Foltertodes, den man nur Sklaven und Schwerverbrechern auferlegte.

Vertrauen in die unverdiente Gnade Gottes: Stern von Betlehem.
Liebe oder Moralismus
Jesus predigte die Wahrheit. Darum nagelten sie ihn ans Kreuz. Seine wichtigste Botschaft war, dass die höchste Macht nicht von dieser Welt ist. Er sass mit Prostituierten, Verachteten und Verfemten zusammen, um gerade sie der Liebe Gottes, seines Vaters, zu versichern. Damit machte er sich alle Hochmütigen zum Todfeind, alle Eingebildeten und Selbstgerechten, die sich für etwas Besseres halten. Sie hassten Jesus, weil er ihnen die Illusion ihrer moralischen Überlegenheit nahm.
Nichts also ist aktueller als diese uralte Weihnachtsgeschichte, die vielleicht da und dort zwischen Kerzen, Tannenbäumen und Geschenken tatsächlich noch erzählt und weitergegeben wird. Der christliche Glaube, wobei ich Glaube lieber mit Vertrauen übersetze, ist der Glaube an, beziehungsweise eben das Vertrauen in die unverdiente Liebe Gottes für die Menschen, denen er es zwar selber überlässt, ihren Weg zum Heil zu suchen, sie aber trotz ihren Irrungen und Katastrophen innig gern hat.
Wer in der Bibel liest, zögert vielleicht etwas, den Richter zu spielen über andere.
Lebenspraktisch folgt daraus, dass wir keine Angst haben müssen und uns keine Sorgen machen dürfen. Alles ist am Ende Gottes Gnade. Wir haben keinen Einfluss darauf. Könnten wir Gott durch unsere Taten auf unsere Seite ziehen, ihn uns dienstbar machen und damit zu einem theoretischen allmächtigen Untertanen, wäre Gott, der Allmächtige, nicht mehr allmächtig. Hier liegt der Denkfehler jener, die glauben, dem lieben Gott etwas näher zu stehen, weil sie so viel Gutes tun oder zumindest so scheinen.
Die Bibel ist die wirksamste und erfolgreichste Kampfschrift der Liebe gegen den Moralismus, gegen die Anmassung und die Machtgier, gegen die Überheblichkeit und die ewige, totalitäre Neigung von Menschen, sich mit Halbgöttern, Göttern oder mit Gott selber zu verwechseln. Wer in der Bibel liest, zögert vielleicht etwas, den Richter zu spielen über andere, den Weltschiedsrichter, der letztverbindlich Bescheid zu wissen behauptet über Gut und Böse, sich selber natürlich immer auf der guten Seite wähnend
Europas Tugendmafia
Wir leben in bibelvergessenen Zeiten. Möglicherweise ist das ein Grund dafür, warum gerade in unserer «abendländischen», christlich geformten Welt die Unbescheidenheit auftrumpft und mit ihr das hohle, dröhnende Moralisten- und Gutmenschentum auf mittlerweile allen Stufen, in allen Einrichtungen unserer Staaten und Gesellschaften, die seit einigen Jahren unter die Fuchtel dieser neuen Tugendmafia geraten sind, die immer ungehemmter und rabiater die Grundsätze unserer Demokratien mit Füssen tritt.
Das ist sozusagen der weltanschauliche Hintergrund, die geistesgeschichtliche Lage, die den unglaublichen Fall des von der EU für vogelfrei erklärten Schweizer Generalstabsobersten Jacques Baud möglich macht. Das Kapitalverbrechen dieses lebenslangen Konfliktforschers und -lösers in Diensten der Eidgenossenschaft, der Uno und der Nato besteht aus EU-Sicht darin, schlicht und einfach, dass er im Ukraine-Konflikt eine neutrale, um Objektivität bemühte Position vertritt, die beide Seiten anhört.
Brotsperre gegen den Generalstabsobersten
Weder ergreift Jacques Baud Partei für Russland noch für die Ukraine, aber selbst wenn er es täte oder, wie ihm die EU andichtet, «Verschwörungstheorien» verbreitete –, auch dann dürfte er in einer Demokratie niemals bestraft werden. Die EU gibt vor, die Wahrheit zu pachten, entzieht dem in Brüssel wohnhaften Schweizer Staatsbürger alle zivilen Rechte, sperrt ihm die Konten, verbietet ihm, sich Brot zu kaufen oder die Miete zu bezahlen. Wer ihm hilft, macht sich strafbar. Belgien verlassen darf er nicht.
Diese mittelalterliche Strafe ist verhängt worden ohne rechtliches Gehör, willkürlich, wie in einer Diktatur. Die Hoffnung, dass der brutale, jedes Rechtsempfinden beleidigende Akt der Unterdrückung in der Schweiz einen Aufschrei medialer Empörung oder organisierten politischen Widerstands hervorgerufen hätte, erfüllt sich allerdings nicht. Die Medien beschweigen den Skandal weitgehend. Bundesrat, Parteien und Behörden lassen den angesehen Ex-Staatsdiener hängen. Eine Schande für die Schweiz.
Sogar ein schlimmer Verdacht lässt sich bis dato nicht entkräften. Die Bundesräte Cassis und Pfister, Letzterer durch die Geheimdienste, wissen seit Wochen Bescheid. Es ist fast nicht denkbar, dass die EU oder einer ihrer Mitgliedstaaten, am wahrscheinlichsten Frankreich, einen Schweizer Staatsbürger auf die Sanktionsliste setzen gegen den Willen unserer Regierung. Der Bundesrat ist entweder eingeknickt oder zustimmender Komplize der EU in diesem ungeheuerlichen Vorgang.
EU-Komplize Schweiz
Überraschen würde es nicht. Cassis und Pfister sind mit die grössten Euro-Turbos im Bundesrat. Beide haben sich die einseitige Ukraine-Propaganda der EU zu eigen gemacht, bis hin zur Ausserkraftsetzung der Neutralität durch Übernahme der Wirtschaftskriegssanktionen gegen Russland. Wie die Kollegen in Brüssel dürften auch sie in einem neutralen Beobachter wie Baud einen Störfaktor sehen, einen Handlanger Moskaus, weil er sich nicht mit Haut und Haaren auf die ukrainische Seite schlägt.
Das ist die abstumpfende Kriegslogik, die Verkrüppelung des Denkens, die sich auch in der Schweiz seit dem Russen-Einmarsch ausbreitet. Wer in einem Krieg Dritter Partei ergreift, was gefühlsmässig nachvollziehbar sein mag, aber nicht Grundlage der Politik sein sollte, verliert das Gehör für neutrale Positionen. Jeder, der sich nicht absolut eindeutig auf eine Seite schlägt, ist in dieser Optik automatisch Parteigänger der anderen. Neutralität aber heisst, für keine der Kriegsparteien einzutreten.
Doch Bern lässt den Landsmann, der sich ums Vaterland verdient gemacht hat, nicht bloss im Regen stehen. Baud wurde laut eigener Aussage auch im Vorfeld nicht gewarnt. Es gab keine Signale, keine Warnungen, obwohl seine früheren Arbeitgeber im Bild waren und genau Bescheid gewusst haben müssen, was die unmenschlichen Sanktionen für den in der EU lebenden Schweizer bedeuten. Bis heute hat sich die Schweizer Botschafterin in Brüssel, Rita Adam, nicht persönlich bei Baud gemeldet.
Gaza-Kinder, aber keine Hilfe für Baud
Der Bundesrat hat keine Probleme, Kinder aus Gaza samt ihrem möglichen Hamas-Anhang mit Rega-Maschinen in die Schweiz einzufliegen oder die israelischen Behörden im Voraus zu ermahnen, wenn eine Greta Thunberg, mit auch ein paar Schweizer Aktivisten im Schlepptau, sich in Richtung Palästina aufmacht. Aber wenn ein Schweizer Bürger, Generalstabsoberst, ehemaliger Mitarbeiter des Aussendepartements, der Uno und der Nato die Unrechtskeule der EU-Sanktionen spürt, ist Sendepause.
Daraus lässt sich eigentlich nur eine Folgerung ableiten: Cassis, Pfister und Co. sind einverstanden. Sie finden es richtig und gut, wenn ein Schweizer, der weder in der EU noch in der Schweiz ein Gesetz gebrochen hat, von den Brüsseler Behörden wie ein Verbrecher, wie ein Terrorist, nein, fast wie ein Ketzer zu Zeiten der Inquisition behandelt wird. Dass die meisten Medien daran ebenfalls keinen Anstoss nehmen, macht deutlich, wie sehr auch sie im Sumpf der kriegerischen Propaganda stecken.
Bis heute hat sich die Schweizer Botschafterin in Brüssel, Rita Adam, nicht persönlich bei Baud gemeldet.
Doch muss ich hier nun unterbrechen, um den Bogen zurückzuspannen zum eigentlichen Thema dieser Zeilen. Ist nicht gerade der Fall Baud ein weiterer und angesichts weltweiter Kriege, der Gräuel und des unausrottbaren Elends schlagender Beweis dafür, dass die tröstlichen Geschichten der Bibel dumme Ammenmärchen sind, Opium fürs Hirn, Betablocker, die den kritischen Verstand betäuben? Zeigt nicht ausgerechnet dieser vorweihnachtliche Vorfall, wie zynisch und abgehoben meine eingangs gewirkte Weihnachtspredigt ist?
Gerade nicht!
Das Böse, Verrückte und Verbrecherische, die Untergänge und Katastrophen, all die Irrtümer und oft aus hohen Idealen geborenen Untaten, die wir immer wieder gegen uns selbst heraufbeschwören, sind fürchterliche, unnötige, aber leider unvermeidliche Prüfungen, die der freie Wille und die Verantwortung, die wir zu tragen haben, mit sich bringen. Ohne das Böse, das wir erzeugen, wären wir zum Guten gar nicht fähig. Und gerade die Weltgeschichte beweist doch, dass über das grösste Verderben, das Böse, am Ende immer wieder das Gute triumphierte.
Halten wir also trotzig, aber aufgrund historischen Erfahrungswissens berechtigterweise an der Einsicht fest, dass die Missstände, die ein Fall wie der des Schweizer Generalstabs. Manuels_Weltwoche_66x90mm_002.indd 1 obersten ans Licht bringt, die Leute zum Nachdenken und viele, wie es bereits geschieht, sogar zum Protestieren bringen. Der mentale Kriegszustand, der dem Brüsseler Kreuzzug gegen unabhängiges, neutrales Denken zugrunde liegt, hat keine Zukunft, ist Ausdruck von Schwäche, Angst und Unsicherheit, den politischen Vorboten von Wandel und einer Rückkehr zur Vernunft!
Ich wünsche Ihnen allen wunderschöne, gesegnete Weihnachten und ein friedliches und erfolgreiches neues Jahr!
R.K.
