Trumps Raketendiplomatie
Los Angeles
uf dem Hinflug von Zürich nach Los Angeles lese ich in Gerhard Schweizers eindrucksvollem Buch «Iran verstehen. Geschichte, Gesellschaft, Religion». Der deutsche Kulturwissenschafter spannt den ganz grossen Bogen vom antiken Persien bis zum Mullah-Regime, von den Grosskönigen bis hin zum Schah und den Ayatollahs, die sich aus mir noch nicht wirklich einleuchtenden Gründen nach wie vor an der Macht halten können. Endlich schreibt hier mal einer über die gängigen Feindbilder hinaus, ohne aber das allgemeine Unbehagen auszublenden, das einen beim Gedanken an die inzwischen offenbar sklerotische Islamisten-Republik befällt.
Beim Lesen wird mir bewusst, dass wir keine Ahnung von diesem komplexen Land haben mit seinen 92 Millionen Einwohnern und den zahlreichen Völkerschaften. Der Iran ist auch ein Kornspeicher abendländischer Kultur. Einige der Errungenschaften, die dank der islamischen Westausdehnung im Mittelalter nach Europa kamen, runde Kuppelbauten und viel mehr, verdanken wir dieser Uralt-Zivilisation an der Wiege der Menschheit. Auch das Christentum wäre ohne Persien, ohne den Iran nicht denkbar. Als sie bei uns noch auf den Bäumen oder in den Hütten hausten, war Persien, war das Land der «Arier» – so nannten sie sich tatsächlich – bereits ein Reservoir der Weltkultur.
Ist US-Präsident Donald Trump ein Glücksfall für die Welt? Kann sein. Auf jeden Fall verblüfft diese Wundertüte von einem Politiker Freund wie Feind. Vor allem seine Kritiker lässt Trump alt aussehen, einmal mehr. Eben noch dachten seine Gegner, er stürze die USA in einen grossen Krieg gegen den Iran, sein «America First»-Versprechen, die Absage an «sinnlose Kriege», die er zu vermeiden gelobte, kurzerhand zertrümmernd. Nun verkündet er nach dem militärisch sehr erfolgreichen Blitzeinsatz bunkerbrechender Bomber auf seinem Twitter-Ableger den Waffenstillstand im Nahen Osten, die Aussicht sogar auf «Frieden und Harmonie» zwischen Iran und Israel.
Schön wär’s. Nennen wir es Trumps Twitter-Diplomatie der Raketen. In unserer verrückten Zeit werden politische Durchbrüche nicht mehr nach der Unterzeichnung von Abkommen vermeldet, sondern auf den sozialen Medien parolenmässig verkündet, gefordert und irgendwie auch eingepeitscht damit. Das Echtzeitspektakel der trumpschen Medienpräsidentschaft ist um ein faszinierendes Kapitel reicher. Seinen Fans und seiner Basis vermittelt der Staatschef, er sei eben doch kein Mann des Krieges, sondern ein Friedensbringer, der die Waffen gezielt, chirurgisch nur, sprechen lässt, um Kriege zu beenden. Und es stimmt ja auch.
Chef-Verhandler Trump hat keine Berührungsängste. Er ist glaubwürdig, weil er mit allen redet.
Genie oder Angeber? Unter Umständen beides. Ich fürchte, die ewigen «Never Trumpers», seine unversöhnlichen Gegner, die den Mann, der politisch bis jetzt noch jede Katastrophe für sich in einen Triumph umdrehte, unterschätzen den unkonventionellen New Yorker deutscher Abstammung. Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe sollen Iran und Israel die Waffenruhe bereits wieder gebrochen haben, doch Trump, unermüdlich sendend auf dem Weg zum Nato-Gipfel, forderte seinen Freund Netanjahu auf, die israelischen Kampfpiloten zurückzupfeifen. Offenbar mit Erfolg: Israel werde den Iran nicht angreifen, alle Flugzeuge kehrten um, schrieb Trump auf Truth Social. Der Präsident verhinderte eine Grosseskalation.
Womit wir bei einer seiner zentralen Qualitäten wären. Man darf Trump nicht wörtlich auslegen, seine Statements haben aber so etwas wie die tiefere Wahrheit von Orakelsprüchen. Noch im grössten Unsinn, den er verbreiten mag, fühlen sich seine Aussagen ehrlicher, wahrer an als die politisch korrekten Fake News seiner linken Gegner. Was haben sich die Moralisierer aufgeregt, als er vor laufenden Kameras den ukrainischen Präsidenten im Weissen Haus abfertigte. Nüchterne Betrachter erkannten darin einen Durchbruch zur Transparenz, Vollkontaktdiplomatie am helllichten Tag, für alle sichtbar, ohne diese verlogenen Communiqués der Hinterzimmerpolitik.
Bei Trump bleibe ich tiefenentspannt. Ein amerikanischer Präsident, der mit allen redet, ist mir sympathischer als dieses Kabinett der hochmütigen Gesprächsverweigerer in Brüssel, denen zum Ukraine-Krieg seit drei Jahren nichts anderes einfällt, als eine offensichtlich gescheiterte Politik der Sanktionen und Waffen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag durchzuziehen. Im neuen Spiegel macht sich der frühere Trump-Berater Bolton darüber lustig, dass sich der Präsident auch mit Kim Jong-un prächtig verstanden habe. Was soll daran schlecht sein? Wäre es dem Erz-Falken lieber gewesen, die USA hätten statt warmer Worte amerikanische Bomben auf Pjöngjang regnen lassen?
Die EU ist das politische Hauptquartier der Trump-Verächter. Sie sitzen dermassen auf dem hohen Ross, dass sie unter sich den Boden nicht mehr sehen. Sie inszenieren sich als Gralshüter «westlicher Werte», als «Wertegemeinschaft», aber den Wert der Diplomatie, für die Europa einst berühmt war, müssen sie sich heute von einem Amerikaner erklären lassen, dem sie sich unendlich überlegen fühlen. Und immer wieder verhaspeln sie sich in den Widersprüchen ihres Moralismus. Mit den islamistischen Mullahs etwa, die Frauen steinigen lassen, ist man gesprächsbereit, nicht aber mit dem europäischen Russland, das dem «Westen» so viel nähersteht. Zivilisation ist, wenn sich Feinde die Hand reichen. Chef-Verhandler Trump hat keine Berührungsängste. Er ist glaubwürdig, weil er mit allen redet und auch Israel ermahnt, wenn es nötig ist. Echte Verbündete sind miteinander ehrlich. Mit seiner Diplomatie der begrenzten Abschreckung verhindert Trump in den ewigen Kampfzonen des Nahen Ostens womöglich einen Flächenbrand. Die Mullahs sind auf dem Pannenstreifen. Die grossen arabischen Staaten halten sich zurück, und der US-Präsident balanciert auf der Rasierklinge. Am Ende erfolgreich? Man muss es ihm wünschen.
R.K.
