Schule des Realismus
Wie ich dank Putin, Trump und Netanjahu klarer denken lernte.
Roger Köppel

Die Fleischfresser verschwinden nicht, wenn wir Vegetarier werden: Trump nach der «State of the Union»-Rede, 24. Februar.
Führe niemals einen Krieg,
den du nicht gewinnen kannst.
Unbekannt
anchmal muss das Kartenhaus unserer Illusionen erst zusammenkrachen, damit man das Fundament der Wirklichkeit wiedererkennt. Ich gebe es offen zu: Auch ich war nicht immun gegen den sanften Schlummer der wohlstandsverwahrlosten Nachkriegsordnung und ihre süssen Verheissungen von internationalen Regeln und immerwährendem Frieden. Wir alle wiegten uns in der Vorstellung, die Welt sei ein globaler Debattierklub, in dem das Völkerrecht die Gravitation ersetzt und die Moral das einzige zulässige Zahlungsmittel ist.
Doch die letzten Jahre waren für mich eine harte, aber heilsame Schule des Realismus. Ich bin nicht gegen Ideale – Gott bewahre –, aber ich habe gelernt, sie von der unerbittlichen Logik der Machtpolitik zu trennen. Dass ich heute klarer sehe, verdanke ich drei Männern, die als menschliche Abrissbirnen unserer westlichen Wunschträume fungieren: Wladimir Putin, Donald Trump und Benjamin Netanjahu. Für diesen dreifachen Realitätsschock empfinde ich heute eine fast paradoxe Dankbarkeit.
I. Gutmensch Putin und das Ende der Schönwetter-Politik
Wladimir Putin war der erste Knall, das fällige Korrektiv für eine Schweiz und ein Europa, die sich in larmoyanten Belanglosigkeiten verloren hatten. Wir stritten über Gendersterne, retteten die Welt am grünen Tisch vor dem CO2 mit untauglichen Energieträgern und hielten die Armee für ein museales Relikt aus der Zeit der Hellebarden. Die Corona-Politik mit ihren autoritären Anwandlungen und der Woke-Wahn waren die Symptome einer Gesellschaft, die den Kontakt zur harten Erde verloren hatte.
Putin war der erste Knall, das fällige Korrektiv für ein Europa, das sich in Belanglosigkeiten verloren hatte.
Putin hat uns schmerzhaft daran erinnert, dass Geopolitik nicht mit dem Lineal des moralischen Fortschritts gemessen wird, sondern mit Interessen und Einflusssphären. Doch anstatt aufzuwachen, reagierte der Westen – und leider auch die offizielle Schweiz – mit einem verzweifelten Aufstand des Moralismus. Es folgte eine Welle der Selbstgerechtigkeit, als wäre die Schweiz der oberste Weltschiedsrichter. In diesem Rausch der Gesinnungsethik opferten wir auf dem Altar der moralischen Eitelkeit sogar leichtfertig unser kostbarstes Gut, die immerwährende, bewaffnete Neutralität.
Dabei ist Putin nicht das Machtmonster, als das ihn seine Gegner zeichnen. Ja, er ist ein tatkräftiger Stratege, grossrussischer Realist, aber einer, in dem sich immer noch der Restposten eines europäischen Gutmenschen aufspüren lässt. Fast heldenhaft versucht der Kreml-Herr, seinen Überfall auf die Ukraine nicht als Anschlag, sondern als Rettung des Völkerrechts zu deuten. Hinter all den Uno-Paragrafen und Geschichtsexkursen kommt ein Mann zum Vorschein, der um Anerkennung und Verständnis ringt. Was lernen wir daraus? Völkerrecht ist Ansichtssache, keine harte Währung.
II. Trumps entwaffnende Ehrlichkeit der Supermacht
Weit unbekümmerter als Putin ist Trump. Ihm scheint egal, was die Leute von ihm denken. Als New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani zum Antrittsbesuch im Weissen Haus auf gute Stimmung machte, fragten ihn die Reporter, ob er denn nicht mehr zu seiner Aussage stehe, Trump sei ein Faschist. Mamdani rang nach einer Antwort, doch Trump feixte ihn von unten an: «Say yes, I don’t care.» Der US-Präsident markiert keinen Heiligen. Das ist eine seiner grössten Waffen.
Dann kam Trump, ein Mann, der wie eine Kettensäge durch die Lauben der politischen Korrektheit fräst.
Der Putin-Schock allein riss Europa noch nicht aus seiner Trance. Dann kam Trump. Er ist der vermutlich ehrlichste US-Präsident der letzten 150 Jahre, ein Mann, der wie eine Kettensäge durch die Lauben der politischen Korrektheit fräst und dieser salonfähigen Verlogenheit, die nicht nur bei uns die Leute in Scharen von der etablierten Politik entfremdet.
Trump redet nicht um den heissen Brei herum. Er liefert keine grossartigen Theorien und Weltentwürfe, sondern bringt es für alle verständlich auf den Punkt: «America first!» Das war zwar vermutlich schon immer so. Aber die Amerikaner, vor allem ihre Politiker, sind Weltmeister darin, ihre nationalen Interessen in die Rhetorik grenzübergreifender Barmherzigkeit zu kleiden.
Trump hat das nicht nötig. Darum hassen ihn auch so viele seiner Landsleute, weil sie im Spiegelbild dieses ungeschminkten Präsidenten den Anblick Amerikas kaum ertragen. Trumps Schlachtruf – zurück zum Nationalen – ist auch eine Kriegserklärung an alle politischen Internationalisten, die ans Konstruierte, nicht ans Konkrete glauben.
«Das Völkerrecht brauche ich nicht», sagt Trump. Damit zertrümmert er die gefährliche Täuschung, dass internationale Allianzen und Verträge im Ernstfall Sicherheit gewähren. Der Fall Grönland oder sein Blick auf die Nato zeigen: Wenn nationale Interessen aufeinanderprallen, bietet kein Vertrag der Welt automatischen Schutz. Im Notfall muss sich jeder Staat selbst verteidigen können.
III. Netanjahu: die Tragik des Überlebens
Mit Netanjahu schliesst sich der Kreis. Israel ist der Inbegriff eines Garnisonsstaates, umzingelt von Feinden, die seine Vernichtung wollen. Hier gibt es keinen Platz für die feinsinnigen Distinktionen unserer Talkshow-Intellektuellen. Man kann jahrelang darüber moralisieren, ob der Krieg in Gaza oder die Schläge gegen den Iran «völkerrechtskonform» sind. Je nach Standpunkt findet man die passende juristische Fussnote.
Leben oder Tod: Das sind die Alternativen, mit denen ein Netanjahu kalkulieren muss. Zum Glück stecke ich nicht in seiner Haut. Ja, der Krieg in Gaza ist schrecklich, die Bilder zerreissen einem das Herz. Aber wie hätte Israels Regierungschef nach dem Massaker vom Oktober 2023 reagieren sollen? Mit einer Uno-Sondersitzung? Mit einer Historikerkommission? Oder mit einer Diplomatenreise ins unterirdische Hamas-Hauptquartier?
Der Fall Netanjahu illustriert die Unausweichlichkeit, die Unentrinnbarkeit nationaler Überlebensinteressen. Hat er recht? Handelt er im Einklang mit übergeordneten Normen? Vielleicht ja, vielleicht nein. Aber er handelt so, wie aus seiner Sicht als verantwortlicher Regierungschef das Überleben Israels gesichert werden muss. Stimmt: Diesen Interessen entgegen stehen die Interessen der Palästinenser und ihrer Unterstützer. Wer wagt es, darüber zu Gericht zu sitzen?
Recht und Moral bieten weder Gewissheit noch Schutz. Kriege sind leider eine Ur-Tatsache der Geschichte. Man überwindet sie nicht, indem man ihre Möglichkeit verleugnet.
Jetzt sieht Israel die Chance, den Sponsor seiner Feinde in Teheran zu schwächen. Ist das völkerrechtskonform? Völkerrechtswidrig? Es sind Debatten für die Galerie. Am Ende entscheidet die Macht. Sieht sich ein Staat bedroht und hat er Mittel, sich zu wehren? Die Aussenpolitik folgt im Ernstfall dieser Logik.
IV. Die Lehrmeister der Enttäuschung
Wir leben in riskanten Zeiten. Die elementaren Fragen des Überlebens kehren zurück. Nationale Interessen sind die besseren Wegweiser als internationale Regeln und Übereinkünfte, an die sich im Konfliktfall niemand hält. Dass ich die nationalen Interessen eines anderen respektiere, heisst nicht, dass ich sie mir zu eigen mache. Aber dieser Blick hilft mir, die Welt nicht durch die enge Brille meiner Vorund Werturteile zu betrachten. Was mir heilig ist, kann für einen anderen bedrohlich sein. Oder lächerlich.
Der Fall Netanjahu illustriert die Unausweichlichkeit nationaler Überlebensinteressen.
Trump, Putin und Netanjahu sind Lehrmeister der Enttäuschung. Ich bin ihnen dankbar. Nicht für ihre Taten, aber dafür, dass sie den Schleier der Irrtümer zerrissen, mir die Augen geöffnet und mich von einigen Illusionen kuriert haben. Was uns jetzt entgegenstarrt, das nackte Gerüst der Macht, ist unschön, blutig, grausam, aber es ist die Wirklichkeit, wie sie ist, nicht, wie man sie gerne hätte. Sollen wir versuchen, die Raubtiere durch das Recht zu zähmen? Aber sicher. Sollen wir darauf hoffen, dass es uns gelingt? Niemals.
Nein, das ist keine Rechtfertigung der Raubtiere. Die Fleischfresser aber verschwinden nicht, wenn wir Vegetarier werden. Die harte Schule des Realismus besagt, dass zwischen Staaten die Macht regiert und nicht das Recht. Im Notfall hilft dir keiner, also hilf dir selbst. Das ist vielleicht bedauerlich, aber so ist die internationale Politik. Es ist besser, sich darauf einzustellen, als Phantomen hinterherzulaufen.
