Auch für «Grüsel» gilt der Rechtsstaat
erwundert rollen vor unseren Augen wie ein Film die Enthüllungen zum Fall des in einer Gefängniszelle verstorbenen amerikanischen Investors Jeffrey Epstein ab. Tausende von Dokumentseiten geben den Blick frei auf menschliche Abgründe, unmoralisches Verhalten und womöglich auch, wobei eher unwahrscheinlich, handfeste Verbrechen.
In den geleakten Unterlagen fallen berühmte Namen auf. Fast niemand, so scheint es, war nicht irgendwie verstrickt ins Netz dieses so schummrigen wie tatkräftigen Beziehungsunternehmers, der sich mit den Reichen und Mächtigen umgab, mit Stars und Intellektuellen, vor allem aber auch mit vielen hübschen jungen Frauen.
Inzwischen tobt ein grosses Köpferollen. Die «Epstein Files» sind ein Pranger, nein, ein Fegefeuer, das alle verschlingt, die das Pech haben, in den Papieren aufzutauchen. CEOs, Anwälte, sogar ein TV-Mediziner verloren ihre Jobs. Vor rechtzeitig installierten Kameras führten Polizisten einen Lord und ein Mitglied des Königshauses ab.
Letzteren beiden werfen die Ermittler missbräuchliche Amtsführung vor. Betroffen ist Lord Peter Mandelson, bis vor kurzem US-Botschafter seines Landes, zuvor enger Mitarbeiter mehrerer Regierungen. Noch mehr Wirbel aber entfachte die Verhaftung von Andrew Mountbatten-Windsor, ehemals Prince Andrew.
Wir lesen nun in sachkundigen Berichten, dass es sich beim besagten Andrew zwar um den Lieblingssohn der verstorbenen Königin handeln soll, doch vor allem um einen nicht sehr intelligenten Aristokraten mit fragwürdigen Neigungen. Zum ersten Mal seit 1649, als Charles I. Stuart aufs Schafott geführt wurde, landete wieder ein «Royal» in Haft.
Wir haben nicht die Absicht, die mutmasslichen und tatsächlichen Handlungen des Prinzen zu rechtfertigen. Auch Epstein weckt keine Verteidigungsreflexe. Man fragt sich allerdings, wie es dieser Aufsteiger geschafft hat, in derart illustre Kreise einzudringen. Womöglich lag es auch am «Harem», den er mit sich führte.
Mehr Unbehagen als das trostlose Sittenbild, das die Epstein-Akten zutage fördern, löst die mediale Hexenjagd aus, die sich daraus ergeben hat. Sie wütet bis in die Schweiz, wo sich jetzt ein Borge Brende, Präsident des Davoser Wirtschaftsforums, für irgendwelche Aussagen zu Epstein rechtfertigen muss, als hätte er einen Mann erschossen.
Zu erinnern ist daran, dass die ganze Lawine an E-Mails, Bildern, Schriften keine einzige Straftat beweiskräftig dokumentiert. Aus der Tatsache, dass Epstein selber wegen eines Sexualdelikts verurteilt wurde, folgt nicht, dass alle, die sich mit ihm sehen liessen, davon wussten oder selber Ähnliches verbrochen hätten.
Fröhlich regieren die Mächtigen, wenn sich die Bevölkerung von Schauprozessen ablenken lässt.
Diesen Eindruck aber scheinen unsere Medien fantasievoll unterstellen zu wollen. Dankbar nutzen sie das trübe Gebräu an Enthüllungen, um es all jene anzuschmieren, denen sie immer schon eins auswischen wollten. Die einen spritzen nach Trump, andere nach seinen Gegnern. Die NZZ tapeziert den Kreml mit den «Epstein Files».
Die unglückselige Affäre führt vor Augen, was der Rechtsstaat ist – oder eben gerade nicht. Selbst «Grüsel» und Superreiche, wobei manche Chefankläger in den Medien beides synonym verwenden, verdienen keine Lynchjustiz, zu denen unsere Gerichtshöfe der Moral wieder mal entarten.
Die beunruhigende Komponente besteht darin, dass der Moral-Mob, wehe, wenn er losgelassen, die Rechtspflege beeinträchtigt, ja, untergräbt. Wenn wir sehen, wie in England Mandelson und Andrew coram publico abgeschleppt werden, die Medien längst schussbereit zur Stelle, kommen Erinnerungen ans Mittelalter auf.
Keine Vorverurteilungen! Schön wär’s. In Zeiten unserer moralischen Dauererregung ist bereits die Anklage, wie löchrig auch immer, schärfer als jedes Urteil. Wird einer nach dem Teeren und Federn nämlich freigesprochen, kräht kein Hahn mehr danach. Etwas hängen und kleben bleibt freilich immer.
Nach den gleichen verlotterten Massstäben laufen die Diagnosen und «Debatten» zur grossen Politik. Statt Analysen gibt es fixfertige Urteile der Moralgerichte, dort die Bösen, wir die Guten. So läuft es seit vier Jahren im Ukraine-Krieg. Sind unsere Gesellschaften dermassen kaputt, dass sie nur noch Feindbilder bei Laune und zusammenhalten?
Fröhlich regieren die Mächtigen, wenn sich die Bevölkerung von solchen Schauprozessen ablenken und blenden lässt. Britanniens am Boden liegender Premier Keir Starmer schwang sich plötzlich zum angeblichen Durchgreifer auf, als er Parteikollege Mandelson wegen der diffusen Vorwürfe – Kontaktschuld – feuerte.
Traurig ist, dass sich die Polizei hergeben muss für das Spektakel öffentlicher Abführungen. Aber eben, die mittelalterlichen Instinkte leben auch in digitalen Zeiten fort. Amüsant ist, solange es einen nicht selber trifft, wie die Journalisten die Unschuldsvermutung beschwören, während sie sie schreibend aus den Angeln heben.
Am Ende dient das Theater dieser populären Halbhinrichtungen den Interessen der Regierenden. Für einen Moment stehen nicht sie, sondern die Lumpen des allgemeinen Empfindens im Visier. Irgendwann zieht die Karawane weiter, der Zerstreuung müde, der eine oder andere mit einem schalen Nachgeschmack im Mund
R.K.
