Weltwoche Kommentar 07/26

Kommentar

Danke, Amerika!

San Francisco
N

un also liegen die paar Tage Maui, Hawaii, hinter mir, pazifische Trauminsel, Vulkane, extrem nette Leute, botanische Vielfalt und Geschichte. Vor tausend Jahren begannen sie mit dem Wellenreiten. Als ich den Windsurf-Star Josh Stone auf «Weltwoche daily» frage, was ihn die Wogen über das Leben gelehrt haben, sagt mir der heute erfolgreiche Immobilienmakler: «Niemals Panik, kenne deine Grenzen, kämpfe nie gegen übermächtige Kräfte.» Lebensschule des Surfens.

Inzwischen sitze ich am Fenster auf dem Rückflug von der Insel nach San Francisco. Ich denke über meine Erfahrungen nach, während ich mir den Dokfilm über den Serienkracher «Stranger Things» auf Netflix anschaue. Ich brauche mir den Zweistünder nicht auf mein iPad zu laden. Die Hawaiian Airlines haben alle «Starlink». Auf 10000 Metern über Meer, unter mir Sturmwolken über dem endlosen Pazifik, kann ich mühelos durchs Netz gleiten wie Josh über die Wellen.

Der Film stimmt mich wehmütig. Ich gebe es zu. «Stranger Things» ist eine fantastische Hommage an die achtziger Jahre, die Filme von Steven Spielberg und die Kindheit mit Fahrrädern, Walkie-Talkies, Walkman und «Dungeons&Dragons». Alles ist so liebevoll und gleichzeitig spannend gemacht, für mich ein grandioses Meisterwerk, das vor allem auch davon lebt, dass die Hauptdarsteller, am Anfang alles Kinder, im Verlauf der Serie erwachsen werden.

Die Duffer-Brüder, zwei Hochschulabsolventen und Filmfans aus North Carolina, fingen vor zehn Jahren einfach an: eine verrückte Idee, ein paar Freunde, viel Risiko, jede Menge Mut – und plötzlich fiebern weltweit Millionen Menschen mit, wenn Eleven, Dustin, Steve, Mike und Nancy in aufwendig inszenierten Episoden das Böse jagen, ein Psychomonster namens Vecna aus dem «Upside Down», einer von beseelten Schlingpflanzen überwucherten Gegenwelt.

Nichts von alledem hat ein Kulturamt ausgetüftelt. Keine Behörde zahlte Subventionen. Keine Quoten mussten bedient werden. «Stranger Things» entstand, weil ein paar Visionäre daran glaubten und Investoren fanden, die sie von ihren Ideen überzeugen konnten. Typisch amerikanisch, und genau hier liegt die Stärke, ist das Grossartige zu finden an den Vereinigten Staaten, die in diesem Jahr ihren 250.Geburtstag feiern.

Du bist nicht perfekt – wer ist das schon? Aber du bist lebendig, du bist mutig, du bist grosszügig.

Ein Vierteljahrtausend ist seit der Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia vergangen, als mutige Männer proklamierten: Wir wollen frei sein, wir wollen selbst entscheiden. Die USA sind wie die Schweiz von unten nach oben gewachsen – nicht von einem König verordnet, nicht von einem Zentralkomitee aus dem Boden gestampft. Es waren Freiwillige, Pioniere, Einwanderer, die mit leeren Händen, aber mit dem Willen antraten, sich selber zu regieren.

Freiheit und Eigenverantwortung sind der Kern. Den Staat braucht’s. Er ist ein notwendiges Übel, damit die Starken nicht die Schwachen fressen. Aber der Staat ist nicht Krönung des Lebens, sondern Dienstleister für die Bürger, die sich selber entfalten sollen. Harvard-Historikerin Jill Lepore würdigt die US-Verfassung als Meilenstein von unten, kein EU-Paragrafenmonster, einfach und stabil gebaut, um den Stürmen und Leidenschaften der Menschen standzuhalten.

Es gibt viel Kritisches über die USA zu sagen, aber alles verblasst vor der Kraft ihrer Staatsidee, dem in Normen gegossenen amerikanischen Traum, dass jeder, woher er auch komme, seine Talente zur Blüte bringe. Weder auf Blut noch Boden, noch Abstammung gründet der Staat. Freiheit durch Leistung: Die USA sind das Land der Aufsteiger und der Aufschneider, der Genies und der Verbrecher, der religiösen Fanatiker und jener, die an nichts glauben als an sich selbst. Vor allem aber gibt es in Amerika Millionen anständiger, hart arbeitender Menschen, die in Frieden leben wollen, möglichst unbehelligt von der Politik.

Es ist kein Wunder, dass dieses Land die Supertalente aus aller Welt anzieht. Sie spüren, dass hier vor allem die Leistung zählt. In Amerika schaffen es auch schräge Vögel, Regelbrecher und gelegentliche Rüpel nach ganz oben. Die amerikanischen Rabauken sind mir immer noch unendlich lieber als die salonfähigen Verlogenheiten unserer Politiker. Und nur so ist zu erklären, dass heute in Washington wieder ein Donald Trump regiert, Archetyp des Durchbeissers, der nie aufgibt. Man kann ihm zehn Mal die Zähne ausschlagen. Er kommt ein elftes Mal.

Das Geniale an Trump: Er ist das Gegenteil eines Politikers, Immobilienlöwe, Multiunternehmer, Grossmaul, Showstar, Schlitzohr, Frauenversteher, Provokationsgenie und Stehaufmännchen mit Nehmerqualitäten, eben kein Politprofi aus dem Bundesordner, sondern ein Aussenseiter aus dem richtigen Leben, kein Heiliger, also auch kein Scheinheiliger, dafür ein ungeschliffenes Original, eine Art Berlusconi Amerikas, bei dem man ja auch nie wusste, ob er aus Idealismus, aus Selbstschutz oder um noch mehr Geld zu verdienen in die Politik gegangen war.

Da Reichtum in den USA noch kein Verbrechen ist, stören sich die Wähler vermutlich nicht so sehr an den für uns doch eher schummrigen Businessdeals der Familie Trump. Geld gleich Erfolg, und lieber ein Präsident, der mit Geschäften Geld verdient, als einer, der den Amerikanern das Geld aus der Tasche zieht.

Was muss Europa, was muss die Schweiz tun, um sich von diesem Geist wieder anstecken zu lassen? Ganz einfach: weniger verbieten, mehr erlauben. Staat verkleinern, Steuern senken, den Mutigen den Weg ebnen. Wir brauchen wieder den Glauben, dass der Einzelne Grosses schaffen kann, wenn man ihn nur lässt.

Die USA beweisen es seit 250 Jahren: Freiheit ist nicht nur Chaos, sie ist vor allem schöpferisch. Sie bringt «Stranger Things» hervor, Tesla, den Mondflug, Silicon Valley, Jazz, Rock’n’Roll – und Donald Trump. Der Leonardo da Vinci unserer Zeit lebt heute in den USA. Sein Name: Elon Musk. Statt auf ihm herumzuprügeln, könnten sich die Leute in Brüssel fragen: Warum gründet das Genie seine Unternehmen nicht bei uns?

Liebes Amerika, zum Geburtstag alles Gute! Du bist nicht perfekt – wer ist das schon? Aber du bist lebendig, du bist mutig, du bist grosszügig. Und ein bisschen neidisch sind wir schon. Danke, dass es dich gibt.

R.K.

Cover: Bildmontage: Wieslaaw Smetek für die Weltwoche; Bilder: Pablo Gianinazzi/Keystone, (2) Gaetan Bally/Keystone, (2) Christian Beutler/Keystone, Til Buergy/Keystone, Gian Ehrenzeller/Keystone

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