Entspannungspolitiker Infantino
ifa-Präsident Gianni Infantino bekommt nicht die Anerkennung, die er verdient. Über die Gründe brauchen wir uns nicht lange zu unterhalten. Es gibt tiefsitzende, vermutlich auch berechtigte Vorbehalte gegenüber grossen Sportverbänden und Funktionären, «fat cats», fetten Katzen, die man als Schmarotzer, Wichtigtuer und korrupte Profiteure des Sports pauschal abkanzelt.
Nichts gegen einen skeptischen Blick auf grosse Organisationen, aber das mediale Fifa-Bashing wäre glaubwürdiger, wenn sich die gleichen Zeitungen nur halb so kritisch mit politischen Organisationen wie etwa einer EU auseinandersetzten, die einen ungleich grösseren und unerfreulicheren Einfluss auf das Leben vieler Menschen ausüben als der Fussball-Weltverband, der grosse Turniere veranstaltet und junge Sportler unterstützt.
Deshalb wird man wohl in keiner Zeitung ein paar freundliche Zeilen lesen können über Infantinos jüngste Wortmeldung. Der Fifa-Chef hat auf die Frage, ob er eine Aufhebung des Russland-Boykotts im internationalen Fussball in Betracht ziehe, eine gute und glasklare Antwort gegeben: «Wir müssen das tun. Definitiv.» Denn dieses Verbot habe «nichts erreicht», es habe lediglich «mehr Hass und Frustration» erzeugt. Infantino hat recht. Und er erinnert an einen uralten Grundsatz. Seit der Antike, seit den ersten Olympischen Spielen, wirkte der Sport als Fluchtweg aus den Brutalitäten der Politik und als Brücke zwischen auch verfeindeten Nationen. Wenn die griechischen Olympia-Athleten aufmarschierten, die Spartaner und Athener, hatten die Waffen zu schweigen. Sport bedeutet Absage an den Krieg, Rückkehr zum friedlichen Wettbewerb.
Sport ist, wie der Handel oder die Künste, ein Pfeiler und Vorantreiber der Zivilisation, weil er Räume und Möglichkeiten schafft, in denen sich die Angehörigen unterschiedlichster Länder und Kulturen spielerisch begegnen können. Sie erinnern sich gegenseitig daran, dass in jedem Gegner auch ein Mensch steckt. Der Gedanke der «Fairness» konnte erst dank dem Sport seine Massenwirksamkeit erreichen.
Daran ändern auch die zahlreichen Missbräuche und Versuche nichts, den Sport für enge politische Zwecke sich selber zu entfremden. Gerade in kriegerischen Zeiten, wenn es draussen stürmt und kracht, ist es umso wichtiger, Verbindungslinien nicht abreissen zu lassen. Sport kann Feindschaften, die sich in Kriegen und Konflikten entladen, nicht beseitigen, aber er kann sie abmildern, in gewissen Schranken halten.
Sport, vor allem in seiner modernen Form, ist übrigens auch ein wichtiges Verbreitungsmedium liberaler Errungenschaften. Vor allem die Briten waren Pioniere, weil dort der Sport schon früh zum Spielfeld gesellschaftlicher Mobilität und der Überwindung klassengesellschaftlicher Schranken wurde. Ein Boxer aus dem Arbeitermilieu hatte im Ring die gleichen Rechte wie ein Aristokrat.
Es ist immer ein Zeichen von Willkür, Rückschritt und Unfreiheit, wenn die Fronten und Konfliktlinien der Politik eins zu eins auf den Sport übertragen werden. Im Kalten Krieg gab es den Olympia-Boykott gegen die Sowjetunion Der Realismus kehrt zurück. Der Moralismus verliert an Kraft. Nicht nur im Fussball. 1980. Genauso gut hätte man 1972 in München oder 1968 in Mexiko die USA ausschliessen können, ja müssen aufgrund des mörderischen Kriegs in Vietnam. Zum Glück hat man es nicht getan.
Der Realismus kehrt zurück. Der Moralismus verliert an Kraft. Nicht nur im Fussball.
Möglicherweise ist Infantinos kluge und mutige Ansage, Russland wieder in den Weltfussball aufzunehmen, ein Vorbote des Friedens in der Ukraine. Es wäre zu hoffen. Ein Fifa-Präsident muss genau darauf achten, was er sagt. Ein falsches Wort kann verheerende Folgen haben, politisch wie finanziell. Der Schweizer wird sich seine Formulierung genau überlegt haben.
Sie ist auf jeden Fall Ausdruck einer geopolitischen Klimaveränderung. Die Atmosphäre totaler Konfrontation, die vor allem in den USA und in der EU unter anderen politischen Vorzeichen gepflegt wurde, weicht allmählich einer neuen Sachlichkeit. Der Realismus kehrt zurück. Der Moralismus verliert an Kraft. Nicht nur im Fussball hat die Politik der empörten Boykotte nichts erreicht. Sie hat nur Leid, Frustration und Hass vermehrt.
Nicht zum ersten Mal gelingt Fifa-Präsident Infantino ein wichtiger Akzent. An der WM in Katar löste er noch Entrüstung aus, als er sich gegen westliche Arroganz und spätkoloniale Allüren aussprach. Nein, ein Sportfunktionär kann den Weltfrieden nicht herbeiführen, aber der Sport kann Gräben überbrücken, Menschen und Nationen zusammenbringen, selbst und vor allem in Zeiten politischer Spannungen.
R.K.
