Die Täter von Crans-Montana
llmählich erreichen uns die erschütternden Bilder aus den Spitälern. Dort liegen die über hundert Jugendlichen und Kinder, die in der Silvesternacht in Crans gefeiert haben. Sie befinden sich im künstlichen Koma. Ihre Körper sind aufgeschwemmt durch medizinische Flüssigkeiten. Ihre Gesichter sind eine verbrannte, rote Fleischmasse. Die Haut an ihren Armen und Beinen ist aufgeplatzt oder chirurgisch aufgeschnitten. Es wird Monate, Jahre dauern, ungezählte Operationen brauchen, bis die Wunden verheilen, wenn man von Heilung jemals sprechen kann.
Irgendwann werden sie aus dem Koma erwachen und in den Spiegel schauen. Sie werden sich nicht wiedererkennen vor lauter Bandagen oder später, wenn die Verbände abgenommen werden, in entstellte, fürs Leben gezeichnete Gesichter blicken. Man will sich nicht ausmalen, wie sie sich dabei fühlen werden. Werden sie den Tag verfluchen, an dem sie gerettet wurden? Werden einige von ihnen die vierzig Toten beneiden, Freunde, denen immerhin die Last erspart geblieben ist, die Wunden und Erinnerungen ein Leben lang mit sich herumzutragen?
Auch vor diesem Hintergrund ist es unerträglich, dass das französische Betreiberpaar der Bar «Le Constellation», in der sich das Inferno zutrug, noch immer frei herumläuft. Bis zum heutigen Tag sitzt kein Verdächtiger in Untersuchungshaft. Die Walliser Staatsanwältin redet davon, die Wirte würden kooperieren, obwohl die Medien längst aufgedeckt haben, dass die Ehefrau noch in der Brandnacht vielleicht belastende Social-Media-Postings löschte, wohl in der Absicht, Spuren zu verwischen. Die Walliser Justiz erweckt den Eindruck, sie wolle diesen Fall nicht aufdecken, sondern vertuschen.
Vor den Medien vermitteln die zuständigen Behörden bis jetzt ein trauriges Bild. Die Medienkonferenzen waren eine Beleidigung für die Betroffenen, die Angehörigen und alle anderen, die sich mit wachsender Fassungslosigkeit fragen, wie um alles in der Welt so etwas in der Schweiz passieren, wie eine derartige Verkettung von Inkompetenz, Schlamperei, kollektiver Verantwortungslosigkeit und tödlicher, mutmasslich krimineller Profitgier – Geldwäscherei? – in einer Katastrophe dieses Ausmasses gipfeln konnte. Niemals hätte diese Bar, die für die Jugendlichen zum Krematorium wurde, in Betrieb gehen dürfen.
Sechs Jahre lang hat die Gemeinde das Lokal nicht mehr kontrolliert. Es gab unzureichende Fluchtwege. Die Innenräume waren mit einer möglicherweise verbotenen, ultrabrennbaren Kunststoff-Isolation ausgestattet. Noch als sich die Flammen an der Decke ausbreiteten, lief die Musik weiter. Viele tanzten. Niemand befahl eine Evakuierung.Die Gattin des Wirts kam mit leichten Verletzungen davon, während ihre jugendlichen Gäste im Untergeschoss zu Dutzenden verbrannten.
Der Kanton Wallis sollte den Fall an unabhängige, ausserkantonale Justizbehörden abgeben.
Verantwortlich sein will niemand. Alle schieben sich den schwarzen Peter zu, der Betreiber den Behörden, die Behörden dem Betreiber, und der kantonale Sicherheitsdirektor (FDP) sagt, «alles» könne man nun einmal nicht verhindern, während die Staatsanwältin (FDP) den Gemeindepräsidenten (FDP), gegen den sie ermitteln müsste, vor Kritik der Journalisten in Schutz nimmt. Nein, «alles» verhindern kann man nicht, aber diesen Horror mit Ansage hätten die Behörden verhindern können und verhindern müssen, hätten sie denn nur ihre steuerlich finanzierten Pflichten erfüllt.
in anderes finsteres Kapitel ist der Wirt, Jacques Moretti, Franzose, Korse, verurteilter Krimineller, laut französischen Berichten wegen schwerer Zuhälterei, Betrug und Freiheitsberaubung. Als die korsischen Medien das Strafregister des Gastronomen längst enthüllt hatten, weigerten sich unsere Journalisten noch, seinen Namen zu nennen. Blick-Kollegen versuchten, Moretti vor seinem Haus zu stellen, doch dieser schickte ihnen einen Rohling entgegen und eine Kaskade übler Verwünschungen. Die importierte Mafia gibt Schweizern den Tarif durch. EU-Personenfreizügigkeit sei Dank.
Am Dienstag trat die Gemeinderegierung von Crans erstmals vor die Medien. Der Präsident sagte allen Ernstes, nachdem er tagelang abgetaucht war, sein Gremium sei «als Geschädigter am meisten betroffen, vor allen anderen», also noch vor den Opfern und deren Angehörigen. Die bemerkenswerte Pietätlosigkeit ist nur eine weitere Facette in einem Bild erschreckenden Ungenügens. Jetzt versteckt sich die Exekutive hinter einer nachgeschobenen Anzeige gegen die Betreiber, um sich als Opfer von Vorgängen zu inszenieren, die zu verhindern ihre Verantwortung gewesen wäre.
ie Katastrophe von Crans ist ein Verbrechen. Doch die Stellen, die es aufzuklären haben, tun so, als handle es sich um eine Naturgewalt, um eine Heimsuchung des Schicksals. Immer noch zu viele Politiker und Medien übernehmen diese Rhetorik des Verwedelns. Was sich in Crans ereignete, darf in der Schweiz unter keinen Umständen geschehen. Die Behörden haben sicherzustellen, dass niemand Gefahr läuft, bei einem nächtlichen Barbesuch lebendigen Leibs wie in einem GrillOfen verbrannt zu werden. Dafür sind die Vorschriften da. Selbst im Brandfall muss eine opferfreie Evakuation gewährleistet sein.
Der Kanton Wallis tut sich und der Schweiz keinen Gefallen, wenn er die Untersuchungen auf diesem Niveau weiterlaufen lässt. Es wäre klüger und auch im eigenen Interesse, den Fall an eine unabhängige, ausserkantonale Justiz abzugeben, zum Beispiel an die Staatsanwaltschaften von Genf oder der Waadt. Vierzig Tote und über hundert Schwerverletzte nach einem menschenverursachten Brand in einer Silvesternacht: Das allein ist der Beweis für kolossales, mutmasslich kriminelles Versagen. Lückenlose Aufklärung mit aller Härte und ohne jeden Anschein von Filz, Befangenheit und neuerlicher Schlamperei ist das Mindeste, was der Rechtsstaat verlangt und der Respekt vor den Opfern gebietet.
R.K.
