Weltwoche Kommentar 03/26

Kommentar

Grönland liegt nicht in der Schweiz

Davos
B

raucht es das Davoser Wirtschaftsforum? Ja, unbedingt, aber nur als realpolitische und realwirtschaftliche Veranstaltung, nicht als Zeitgeistfestival. Und dies in einer weltweit respektierten neutralen Schweiz und nicht in einer selbstgefährdenden Schweiz der Möchtegerngrossen.

Die neuen Chefs stürzten Gründer Klaus Schwab letztes Jahr in einer Palastrevolution der Peinlichkeiten. Der Erfinder und Methusalem des WEF wollte nicht gehen. Zum Verhängnis wurde ihm am Ende seine Vitalität. War es ein Verbrechen, dass Picasso noch im hohen Alter seinen Pinsel nicht beiseitelegen wollte?

Das Forum wolle in Zukunft, sagte Mit-Präsident Larry Fink von Blackrock, keine Echokammer sein, mehr zuhören, auch mit Andersdenkenden reden: Dialog statt Monolog. Das jährliche Stelldichein der Mächtigen, Reichen und Gebildeten kommt zu einer einschneidenden Erkenntnis: Gespräch schlägt Selbstgespräch.

Tatsächlich verkümmerte das Forum in den letzten Jahren wohl etwas zu einer Kanzel erbaulicher Verkündigungen. Als Weltwirtschaftstreffen des schlechten Gewissens hatte sich das WEF höchstwahrscheinlich festgefahren, Opfer auch seines stratosphärischen Erfolgs, den Klaus Schwab aus dem Nichts auf dem Davoser Zauberberg heraufbeschwörte.

Man muss es hier der guten Ordnung halber festhalten: Das World Economic Forum ist die bedeutendste, wichtigste, interessanteste Konferenz der Welt, eine titanische Leistung des Gründers, auch und gerade in ihren sie vermenschlichenden Irrtümern, Anmassungen und Fehleinschätzungen. Dass sich die Kreatur am Ende gegen ihren Schöpfer wandte, ist ein Stoff der Weltliteratur.

Daher war es vielleicht folgerichtig, wirkte aber reichlich eng, dass die Leute, die ihren einstigen Förderer gewaltsam beerbt haben, es kaum übers Herz brachten, den Namen Klaus Schwab in ihren Begrüssungsadressen auszusprechen. Der Vatermord ist ein Urmotiv unserer Geistesgeschichte. Dass er so augenfällig vorgeführt wird an einem Anlass, der sich der moralischen Exzellenz von «Leadership» verschrieben hat, ist beinahe amüsant. Hier ist noch viel Entspannung nötig.

Die Landnahme, die Grönland erst bevorsteht, hat Davos inzwischen hinter sich. Die Amerikaner haben das Kommando. Noch nie sei eine grössere Delegation aus den Vereinigten Staaten angereist. Bei Redaktionsschluss stand der Auftritt des Präsidenten noch bevor. Donald Trump übernimmt, überwältigt das WEF, das jahrelang das Gegenteil von dem predigte, was der mächtigste Mann der Welt fast erfrischend brachial vertritt.

Daher kamen etwas Wehmut und eine Prise Mitleid auf, als am Eröffnungstag Ursula von der Leyen und Emmanuel Macron trotzig ihre Hymnen auf «Europa» sangen. Was hätten sie auch anderes tun sollen? Von der Leyens Ansprache war der Versuch, den Trumpismus wenigstens rhetorisch und brüsselsprachlich einzufangen. Ihr Vortrag war ein Pyrofeuerwerk von Ankündigungen, gipfelnd in der heldenhaften Hohlformel: «Europa wählt die Welt, und die Welt ist bereit, Europa zu wählen.»

Kollege Emmanuel Macron trat mit verspiegelter Pilotenbrille auf wegen einer Augenentzündung, aber mit ungebremstem Selbstvertrauen. Sein Plädoyer galt den internationalen Regeln, an die sich niemand hält. Trumps Griff nach Grönland nannte er «Kolonialismus», der allerdings mit «Moralismus» nicht zu stoppen sei. Es war das Referat eines Mannes, der jede Rolle spielen kann.

Interessant war der Auftritt von US-Finanzminister Scott Bessent. Trumps Statthalter in Wirtschaftsfragen ist ein Mann der feinen Klinge, bestechend erfolgreich an den Börsen, unaufgeregt, ein Simultanübersetzer der politischen Handgreiflichkeiten seines Chefs.

Angesprochen auf die rüpelhaften Grönland-Avancen Washingtons, erwiderte Bessent cool, Europa würde im Konfliktfall «ex post» ohnehin die USA anrufen, um Grönland rauszuhauen, daher sei es billiger und besser, die Insel gleich präventiv zu übernehmen, auf dass erst gar niemand auf falsche Ideen käme.

Während von der Leyen und Macron das Hohelied auf die wirtschaftliche Zukunft der Europäischen Union anstimmten, erzählte Bessent die Geschichte eines mit ihm befreundeten amerikanischen Unternehmers, der ihm kürzlich bestürzt berichtet habe, in China sei es einfacher, Business zu machen, als in der Europäischen Union. In Peking warte er drei Tage auf eine Audienz bei Xi. In Brüssel dauere es für ihn, einen der grossen Arbeitgeber in Europa, mindestens neunzig Tage, bis ihm Kommissionspräsidentin von der Leyen die Gnade eines Empfangs gewähre. Der Grönland-Schock schüttelt auch die offizielle Schweiz. Anstatt neutral den Mund zu halten, spielen sich einzelne Bundesräte als völkerrechtliche Schiedsrichter auf und erklären sich gegen die Vereinigten Staaten solidarisch mit der Arktisinsel, von deren Geopolitik sie keine Ahnung haben. Unter Journalisten wird es als Skandal empfunden, dass Bundespräsident Guy Parmelin das einzig Richtige macht – und schweigt.

Grönland liegt nicht in der Schweiz. Mischt euch nicht in fremde Händel ein. Noch haben sie in Bern nicht begriffen, was früher selbstverständlich war. Die staatliche Neutralität ist unanfechtbar, sie gilt absolut. Ungeachtet davon darf man als Privatmann seine Meinungen haben und auch aussprechen. Doch im Gefühlsbrei des Berner «Wokeismus», der übrigens auch auf der rechten Seite wütet, gehen solche Unterscheidungen verloren.

Mischt euch nicht in fremde Händel ein. Noch haben sie in Bern nicht begriffen, was einst selbstverständlich war.

Das WEF ist eine bewundernswerte, erstaunliche Errungenschaft, aber die Aussicht, dass bald einmal die heutige Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, das Zepter übernehmen könnte, löst keine Freude aus. Die Französin steht an der Spitze jener EU-Panzerknacker, die russische Staatsgelder stehlen wollen, das sich wehrende Belgien in den Schwitzkasten nehmen, und Ex-Synchronschwimmerin Lagarde erklärt, wie man den Raubzug «völkerrechtskonform» gestalten könne.

Es bleibt fraglich, ob eine Exponentin des französischen Zentralismus mit anscheinend kleptokratischer Veranlagung die Idealbesetzung für den Chefposten eines weltweiten Forums der Verständigung ist, das die schweizerische Neutralität durchaus beherzter in die Welt hinaustragen könnte.

Vielleicht wäre darüber nachzudenken, diese Personalie heimatsensibler zu gestalten. Im Gremium der Davoser «Trustees» mit vielen bekannten internationalen Namen sitzt neben dem Roche-Vize-Chairman André Hoffmann auch ein weiterer, einsamer Schweizer, ein gewisser Philipp Hildebrand. Wäre ihm die Rolle des weltgewandten Gastgebers und neutralen Botschafters nicht durchaus auf den Leib geschrieben?

R.K.

Cover: sergign/Adobe Stock

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