Weltwoche Kommentar 24/23

Kommentar

Römische Republik, Lehren für heute

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ben ist Silvio Berlusconi gestorben. Er hat mich immer fasziniert, der «Cavaliere», der geniale Verkäufer, der Verführer, der grösste Staatsmann Italiens im 20. Jahrhundert, Unternehmer, Unterhalter, Frauenheld, Milliardär, Visionär. Journalisten hatten wenig für ihn übrig, viele Nachrufe sind grau, unschmeichelhaft, graue Mäuse, die über Paradiesvögel schreiben, freudlos, verständnislos.

Einst fragte ich einen Italiener: «Warum wählt ihr Berlusconi? Die Zeitungen schreiben, er sei ein Gauner.» Antwort: «Ja, stimmt, aber bei ihm wissen wir wenigstens, dass er ein Gauner ist.» Berlusconi, der ehrlichste Gauner der italienischen Politik? Als Trump gegen Biden die Wahl verlor, kommentierte der «Kavalier», es habe dem Amerikaner etwas an «Charme» gefehlt.

Er war eine grosse Nummer, und leider ist er ein weiteres Beispiel für die mangelnde Neugier unserer Journalisten, die lieber moralisieren als verstehen, die lieber ihre politischen Vorlieben verbreiten als die Faszinationskraft extravaganter Charaktere und farbiger Gestalten erkunden. Dabei ist die grösste Freiheit des Journalisten doch die, in fremde Biografien und Existenzen einzutauchen.

Italien ist ein Wunder und ein Rätsel. Gerade lese ich, weil mein Ältester in der Schule dazu geprüft wird, Mary Beards grossartige Geschichte des antiken Rom, «SPQR». Das Buch erzählt das unglaubliche Drama des rasenden Aufstiegs jener latinischen Hüttensiedlung am Tiber, umlagert von den weit bedeutenderen Kulturen der Ertrusker und der Griechen. Trotzdem hängen die Römer schliesslich alle ab. Warum?
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Die Antwort lautet: Freiheit, libertas. Die römische Republik ist eine geniale, wenn auch nicht fehlerfreie Konstruktion antiker Staatskunst. Ihre Kraft liegt in der Freiheit, liegt darin, dass sie das Volk an der Macht beteiligt und einen Adel der Geburt ersetzt durch eine Oberschicht der Leistung. So bringen die Römer viel mehr motivierte, ehrgeizige Soldaten unter Waffen und immer mehr Gebiete in ihre Gewalt.

Ein anderes Zauberwort heisst: Offenheit. Die Römer sind für damalige Umstände keine Rassisten, keine Nationalisten. Ihre Republik ist weltweit exportierbar. Am Anfang wird von den Besiegten und Eroberten nicht viel mehr verlangt, als dass sie Soldaten stellen und Tribut zahlen. Die Kriegerrepublik aus Mittelitalien belohnt ihre Verbündeten mit dem Bürgerrecht und der Aussicht auf fette Beute.

Es ist filmreif, wie schnell die Kleinstadt zum Riesenreich heranwächst. Die wichtigsten Daten: 1000 vor Christus besiedeln latinische Bauern die Hügel am Tiber. Um 800 v. Chr. übernehmen etruskische Könige das Kommando. 200 Jahre später vertreiben die städtischen Adeligen die Könige. Gut 300 Jahre danach beherrscht Rom, steinreich, Italien und fast den ganzen Raum ums Mittelmeer.

Kampf und Krieg sind die Treiber des Erfolgs: Nach dem Sturz der Monarchie regieren allzu herrisch und einsam die Aristokraten. Das Volk hat zu gehorchen und in den Legionen zu dienen. Der Kriegsdienst weckt das Selbstbewusstsein und den Wunsch nach Mitbestimmung. Aus jahrzehntelangen Kämpfen entsteht die Republik, die dem Volk erhebliche Rechte und Freiheiten gewährt.

Demokratien, Republiken sterben, wenn das Volk nichts mehr zu sagen hat.

Ähnlich muss es in der alten Eidgenossenschaft gewesen sein. Weil das Volk, die Mehrheit, stärker am Staat beteiligt ist, können mehr Soldaten für den Krieg gewonnen werden. Damals entscheiden nackte Zahlen über Sieg und Niederlage. Wer mit mehr Mann ins Getümmel steigt, hat grössere Aussicht auf Erfolg. Die Römer verdanken ihren Aufstieg der überlegenen Kampfkraft ihrer freiheitlichen Republik.

Innerhalb von nur zweieinhalb Jahrhunderten erobern sie das italienische Festland, Sizilien, Korsika, Sardinien. Sie zerschlagen in drei Kriegen die Seemacht Karthago, greifen nach Osten aus, besiegen die Nachfolger Alexanders des Grossen und sind plötzlich Herren über Griechenland und Syrien. Unermessliche Reichtümer strömen herbei, Dekadenz und Machtgerangel folgen. Der Niedergang beginnt. Wenn ich das heute lese, muss ich an die Amerikaner denken. Aber nicht nur an sie. Die Geschichte der römischen Republik hält Lektionen für uns alle bereit: Staaten blühen, wenn Volk und Elite zusammenarbeiten, wenn die Mächtigen auf die weniger Mächtigen hören und wenn die Institutionen dafür sorgen, dass die Oberschichten das Volk nicht überfahren können.

Natürlich war die antike «res publica» keine moderne Republik, aber es gab einen embryonalen Rechtsstaat, das Volk wählte souverän die höchsten Regierungsleute, und mächtige Tribunen schützten die Ärmsten, den «plebs». Aufstieg von ganz unten nach ganz oben war möglich. Solange diese Institutionen funktionierten, ging es aufwärts. Doch mit den Eroberungen verlagerte sich die Macht wieder zu einer sich abkapselnden Elite – der Zerfall setzte ein.

Nichts Neues unter der Sonne: Demokratien, Republiken sterben, wenn das Volk nichts mehr zu sagen hat, wenn die Mächtigen eigenmächtig werden. Kommt uns das bekannt vor? Selbst in der braven Schweiz ist es Mode geworden, dass sich Politiker über das Volk erheben, Volksentscheide umgehen, sabotieren, versenken, den Souverän schlechtreden («Populismus»), verächtlich machen.

Machtmissbrauch nach altrömischem Vorbild ist auch die Neigung unserer Magistraten, die Fesseln abzuwerfen, die ihnen unsere Verfassung im Interesse der Bürger anlegt. Eine der wichtigsten dieser Fesseln ist die Neutralität. Sie verbietet unseren Regierenden, die Schweiz in Kriege zu verstricken, Wirtschaftskriege zu führen, Waffen zu liefern, sich einzumischen. Draussenbleiben, lautet das Gebot. Neutralität schützt Land und Volk und bremst Politiker, die nach Ruhm und Ehre gieren.

Der Untergang Roms beginnt, als die Magistraten die Macht an sich reissen und das Volk ausbremsen. Nichts hat sich geändert seither. Die Mechanismen sind geblieben, auch wenn sich die Staaten und Institutionen äusserlich verändert haben. Das Beispiel Rom lehrt: Nichts ist für eine Republik gefährlicher als die Arroganz, die Dekadenz und der überhebliche Leichtsinn der Mächtigen. Die Schweizer sollten Mary Beard lesen.

R.K.

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