Weltwoche Editorial 24/19

Editorial

Der frechste Politiker der Schweiz

Von Roger Köppel

SVP-Nationalrat Andreas Glarner treibt wieder einmal alle auf die Palme, Freund wie Feind. Sein Facebook-Angriff auf eine Lehrerin ging nach hinten los. Der Übereifrige musste sich entschuldigen. Was steckt dahinter? Wahnsinn? Genie? «Meine Mission», sagt der allseits Angefeindete.

Ist er der frechste Politiker der Schweiz? Der schlimmste? Oder einfach nur der mutigste? Nationalrat Andreas Glarner packt sein Handy aus. Er zeigt auf dem Bildschirm eine lange Liste anonymer Anrufe. «Für die bin ich jetzt das Arschloch», sagt der bald 57-jährige Unternehmer aus dem Aargau. Und lässt gleich durchblicken, dass eine solche Einschätzung kein korrektes und schon gar kein umfassendes Urteil über seinen Charakter sei.

Wir treffen uns vor einem Sessionstag im Foyer des Berner «Bellevue»-Hotels. Glarner ist früh unterwegs. Er steht jeweils um 4.15 Uhr morgens auf, um halb sechs hatte er seinen ersten Termin. Jetzt sitzt er vor üppigen Tapeten, drahtig und hellwach, bei einer Tasse Kaffee. Wir sprechen über Stil und Provokationen in der Politik. Und vor allem reden wir über seinen Angriff auf eine Zürcher Lehrerin, der landesweit Schlagzeilen machte.

Feindliche Übernahme

Was genau ist passiert? Letzte Woche bekam Glarner von einer entrüsteten Mutter eine Whatsapp- Meldung. Es handelte sich um eine Nachricht auf dem offiziellen Textkanal der Primarschule Falletsche in Leimbach bei Zürich. Was die Mutter aufregte: Die Lehrerin offerierte der ganzen Klasse per SMS, an einem muslimischen Feiertag freizunehmen. Die Mutter ärgerte sich. Es könne ja nicht sein, dass an Zürcher Schulen Muslime an ihren Feiertagen einfach freinehmen könnten. Feindliche Übernahme. Brisant in diesem Zusammenhang auch der Name einer Co-Schulleiterin: Esen Özkan Kul.

Glarner musste sich nicht zweimal bitten lassen. Auf Facebook veröffentlichte er – «weil es mir den Hut lupfte» – gleich das SMS sowie den Namen der Lehrerin und die Mobiltelefonnummer der Klasse. Seine Freunde forderte er auf, die Frau anzuprangern, ihr persönlich die Meinung zu sagen. Im medialen Gewitter ging unter, dass es nicht die Privatnummer, sondern lediglich die Nummer des Schulhandys war. Aber egal: Die Entrüstung war gigantisch. Internet-Unhold Glarner, so der Tenor, betreibe auf Kosten einer jungen Frau mit miesesten Methoden politisches Ego-Marketing und hetze nebenbei gegen seinen Lieblingsfeind, den Islam.

Peinlich für den Aargauer: Die Lehrerin hatte nichts Unrechtes getan. Die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner stellte sich wie andere prominente Politiker hinter die Angegriffene. Ihre SMS-Auskunft sei korrekt gewesen, Glarners Attacke hingegen daneben. Sollte die Lehrerin Strafanzeige erstatten, stehe sie, die Bildungsdirektorin, hinter ihr. Sogar einzelne SVP-Kollegen gingen auf Distanz oder stimmten in den Kritiksturm ein. Nach anfänglichem Widerstand knickte Glarner am Wochenende ein: Auf Tele Züri bat er die Lehrerin «in aller Form» um Entschuldigung.

«Ein grosser Fehler»

Zwei Tage später wirkt der Zerknirschte immer noch reumütig. Normalerweise perle so ein Getöse spurlos ab, aber das hier habe ihm schon zugesetzt. Es sei ein grosser Fehler gewesen. Handkehrum: Ohne Namensnennung würde heute niemand über den Islam an Schweizer Schulen reden. Er hätte aber die Lehrerin zuerst anrufen und die Rechtslage genauer abklären sollen. «Mein Verhalten war unüberlegt», gibt er ohne Zögern zu. Sogar seine beiden Töchter, 21 und 23, hätten ihm beim letzten Sonntagsbrunch massiv aufs Dach gegeben. Wieder kramt er sein Handy raus und zeigt eine Textnachricht der Jüngsten, die ihm dann doch zur Entschuldigung auf Tele Züri gratuliert: «Gut gemacht, Daddy.»

Nein, er habe kein «Aufmerksamkeitsdefizit », versichert Glarner. Er spüre während eines Facebook- oder Twitter-Shitsturms keinen Kick. «Ich bin Überzeugungstäter. Nur die Mission zählt.» Glarner formuliert Sätze, für die ihn die Medien hassen oder auslachen, aber er meint es ernst: «Ich will die Schweiz retten.» Und eines seiner zurzeit wichtigsten Themen ist der Islam, der «ihm grosse Sorgen» mache. Glarner zitiert einen Schulleiter aus dem Kanton Schwyz, der ihm unlängst Folgendes auf den Weg gegeben habe: «Toleranz ist die letzte Tugend einer untergehenden Gesellschaft.»

Klar, Islam klingt gefährlich, aber wieso geht er auf eine kleine Lehrerin los und nicht auf die Grossen, auf die Mächtigen in der Politik? Glarner fühlt sich missverstanden. Er habe keine Angst vor den Grossen, aber es sei für ihn unvorstellbar gewesen, dass der Kanton Zürich islamische Feiertage im Schulbetrieb bereits offiziell anerkenne. Ob wir in der Schweiz schon den Verstand verloren hätten? Sein Irrtum: Er habe angenommen, ja sei sich todsicher gewesen, dass die Lehrerin eigenmächtig gehandelt habe, gegen Recht und Gesetz. «Das war falsch, und das bedauere ich zutiefst.» Er habe die Falsche getroffen. Nicht die Lehrerin, das Schulsystem sei das Problem.

Glarner zückt Statistiken. Er hat für alle seine Themen Charts und Daten greifbar. «Ich spiele nicht den Helden, mir geht es um ein ernstes Problem.» Der Islam breite sich in Europa aus. Letztes Jahr sei auch in Berlin der Name Mohammed schon der gebräuchlichste Name neugeborener Buben gewesen. In England sei es ganz schlimm. Er bekomme zahllose Zuschriften von Schweizer Lehrern, die ihren Unterricht umstellen müssten, weil die Muslim-Kinder während des Ramadans nicht zu gebrauchen wären; auch Schulreisen, Schullager oder Sporttage würden einfach abgesagt. «Einer sagte mir, eine muslimische Familie habe von ihm verlangt, während der Fastenzeit keine Prüfungen mehr durchzuführen.»

Eine Art Winkelried

«Ja, es stimmt», er sehe sich als eine Art Winkelried, als einen, der sich traut, Dinge auszusprechen und anzupacken, um die andere einen grossen Bogen machen. Sozialprestige sei ihm unwichtig, in der Politik wolle er nichts werden. Kritiker, die sich nach der Facebook-Affäre an Glarner die Schuhe abputzen, übersehen leicht, dass er als Gemeindeammann von Oberwil- Lieli während zwölf Jahren über Parteigrenzen hinweg respektiert gewesen ist. Unter seiner Leitung gelang es der Gemeinde zum Beispiel, die Steuersätze auf den tiefsten Stand im ganzen Kanton Aargau abzusenken.

Er könne vermitteln und präsidial sein, erklärt Glarner, aber als Nationalrat müsse er auch Pflöcke einschlagen. Berührungsängste kennt er kaum, und wenn Not am Mann ist, legt er selber Hand an. Vor ein paar Jahren gab es auf einer Zufahrtsstrasse aus dem Kanton Zürich nahe der Kantonsgrenze einen Belagsschaden. Anstatt das Problem zu lösen, stellten die Zürcher eine Verkehrsampel auf. Die Autos stauten sich bis weit in den Aargau. Glarner telefonierte, doch es passierte nichts. Schliesslich montierte er die Ampel auf Zürcher Boden eigenhändig ab und liess den Verkehr mit seiner Feuerwehr besser regeln.

Kritiker haben den Verdacht, Glarner tue das alles, um in die Medien zu kommen. Er würde das nie zugeben, vielleicht stimmt es auch nicht, aber irgendwie steht eben doch meistens eine Kamera in der Nähe, wenn er eine seiner spektakulären Aktionen durchzieht. Vor ein paar Jahren, als ihn die Linken als herzlosesten Asylpolitiker aller Zeiten an den Pranger stellen wollten, sah man Glarner plötzlich in einem griechischen Flüchtlingslager mit einem grossäugigen Baby auf der Brust. Was für ein glücklicher Zufall, dass die Fotoreporter der Boulevardzeitung Blick zur Stelle waren, um den historischen Moment für die Nachwelt einzufangen.

«Du bist der Mutigste»

Eben hat Glarner mit seinem achtzigjährigen Vater telefoniert. Er hat ihm erzählt, dass die Weltwoche einen Artikel über den Sohn plane unter dem Titel «Der frechste Politiker der Schweiz». Der Vater habe trotzig erwidert: «Sag denen, du seist nicht der frechste, sondern der mutigste Politiker der Schweiz.» So ein offensichtliches Selbstlob würde ihm nicht über die Lippen kommen, aber Glarner scheint die Einschätzung auch nicht für gänzlich aus der Luft gegriffen zu halten. Schon in der Schule sei er gegen Ungerechtigkeit und Falschheit aufgestanden. Ein Lausbub? Glarner lächelt. «Aber sicher.»

Man weiss bei ihm wirklich nicht, ob er es ernst meint oder ob das Ganze immer auch nur ein Spiel ist, die Provokationen, die steilen Thesen, die Aktionen und Aufreger, der dauernde Kleinkrieg auf den sozialen Medien, wo er sich mit unbekannten Feministinnen herumschlägt, indem er sich auch schon mal über ihr Aussehen lustig macht. Der Vorwurf mangelnden Anstands ist dann schnell bei der Hand. Glarner hat auch hier eine Antwort parat: «Wer für gleiche Rechte streikt, muss auch in der politischen Debatte gleich behandelt werden wollen, muss einstecken können.» Trotzdem, fügt er an, werde er sich ab jetzt vor allem Frauen gegenüber, «diesen zauberhaften Lebewesen », im politischen Nahkampf zurücknehmen, einen «Gang herunterschalten».

Völlig falsch, sagt Glarner, sei der Vorwurf, er poliere in der Politik sein Ego. Das Gegenteil sei richtig. Er suche keine Liebe, keine Anerkennung im Bundeshaus. Er wolle einfach seinen Job – die Schweiz zu retten – richtig machen. Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen unter insgesamt vier Geschwistern, sei er ohne den goldenen Löffel im Mund gross geworden. Er habe sich alles erarbeitet. Mittlerweile wohlhabend, saniert, geschäftlich erfolgreich, ist er dabei, seine dritte Firma zu gründen. Winkelried auch hier: Glarner verdiente unter anderem damit sein Geld, dass er den überteuerten Schweizer Kartellmarkt für Rollstühle und Katheter mit günstigeren Produkten knackte.

«Filiale der Caritas»

Noch eine Diagnose zur SVP, als deren Totengräber ihn einige Medien schon ausrufen: «Voller Angriff, keine Bequemlichkeit: Das ist wichtig », fordert Glarner. Es gefalle ihm, wie jetzt auch die Zürcher SVP zum Beispiel beim Klima wieder austeile und gegen die «geschürte Hysterie » antrete. Sein Spezialgebiet ist die Asylpolitik. Da sieht er grosse Missstände. Das eidgenössische Departement sei eine «Filiale der Caritas», ein «Mutter-Teresa-Verein». Den Chefbeamten Mario Gattiker hält er für einen netten Menschen, aber mit seiner Hilfswerk- Vergangenheit sei er eine Riesenfehlbesetzung. Dauernd klopfe man sich im Migrationsamt selber auf die Schultern, dabei habe es die Schweiz nur Ungarns Premier Orbán und den libyschen Warlords zu verdanken, dass die Völkerwanderung vorübergehend zurückgebunden sei. «Gegen einen neuerlichen Ansturm sind wir nicht gewappnet.»

Er sei keiner, «der zuerst mit dem Flammenwerfer angreift, um dann hinterher die Rosen zu verteilen»: Damit will Glarner sagen, dass er sich nicht anbiedert und auch nicht für die Galerie provoziert. Als ob er geahnt hätte, dass er im Feinstofflichen etwas Unterstützung braucht, hat er seit kurzem eine Frau als Sparringspartner und PR-Beauftragte im Bundeshaus angestellt. Er werde sie künftig wohl intensiver konsultieren. Glarner bezeichnet sich als «Gentleman alter Schule». Seine Feinde würden staunen, wenn sie erführen, wen er alles im Rahmen sozialer Projekte unterstütze, sagt er, denn natürlich gebe es hinter all der Politik und den Provokationen auch immer noch «den Menschen Glarner ». Dann bricht er ab, um sich seiner neuen Geschäftsidee zu widmen, bei der es  um Kostensenkungen im Schweizer Sozialwesen geht.

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