Weltwoche Editorial 20/19

Editorial

Game of Thrones

Von Roger Köppel

Das grandiose Fernsehspektakel geht zu Ende.

In einer der grossen düsteren Szenen der Fantasy- Reihe «Game of Thrones» legt Daenerys Targaryen, Mutter der Drachen, Königin der sieben Reiche, ihre Hauptstadt, die sie eben erobert hat, mit ihrem feuerspeienden Flugmonster in Schutt und Asche. Es ist eine Mischung aus Dresden und Hiroshima in einem fiktiven Mittelalter auf den fiktiven Kontinenten Westeros und Essos. Nur ist der Krieg längst gewonnen, die Verwüstung nur noch grausam und sinnlos.

Alles brennt die zornige Blondine nieder. In den Strassen muss sich ihre eigene Armee vor dem Feuersturm der Chefin retten. Sogar ihr Geliebter Jon Snow, der eigentlich ihr Neffe und der wahre König ist, kommt im Flammenmeer fast um. Ist die Drachenkönigin, die bisher die ganz grosse Heldin, die Sympathieträgerin mit einer weltweiten Fan-Gemeinde war, verrückt geworden? Und wenn ja: Warum? Aus enttäuschter Liebe? Wegen der Macht? Oder stimmt etwas an ihren Genen nicht?

Das sind die Fragen, die sich Tausende, ja Millionen von Fernsehzuschauern seit letztem Montagmorgen mitteleuropäischer Zeit stellen. Zehntausende von Tweets sind abgefeuert worden. Auf den sozialen Medien läuft die philosophische Diskussion, ob die Drehbuchautoren mit der jüngsten, zweitletzten Folge des seit über sieben Jahren dauernden, mit Preisen überhäuften Fantasy-Epos total versagt oder doch eher neue Höhen der Genialität erklommen haben.

In einer Woche wissen wir es. Dann wird die allerletzte Folge, das Grande Finale ausgestrahlt.

Was macht den enormen Erfolg aus?

Hollywood krankt an politischer Korrektheit. Seit Trump im Weissen Haus sitzt, sind die Filme schlechter geworden. Die Parteilager belauern sich unversöhnlich wie die Armeen von Westeros, und mittlerweile haben die Pressekonferenzen des Präsidenten den höheren Unterhaltungswert als das amerikanische Mainstream-Kino.

Mit einer grossen Ausnahme: «Game of Thrones ».

Man könnte fast meinen, die Serie sei ausdrücklich gegen den Zeitgeist geschrieben worden, ein Schwerthieb gegen das neue Frömmlertum. Es gibt diese grossartige Sequenz, als Cersei Lannister, die verführerisch-böse Gegenspielerin der Drachenfrau, die Kathedrale ihrer Hauptstadt Königsmund in einem brutalen Terrorakt selber in die Luft sprengt mitsamt ihren dort zum Ritual versammelten Feinden, allen voran die religiöse Tugendsekte der «Spatzen », die in ihrem Reich ein Schreckensregime, eine Moralismusdiktatur errichtet haben.

Die Sprengung ist wunderbar inszeniert, genüsslich bis ins letzte Detail gedehnt, jede Sekunde auskostend, bevor dann der alles erlösende Urknall die Tugendverbrecher in einer grünlichen Plasmawolke verdampft. Keiner dieser fürchterlichen Gutmenschen überlebt das Inferno, und man hat nicht den Eindruck, dass Autor George R.R. Martin und die Produzenten darüber merklich bestürzt wären. Keine Frage: Bei ihrer Explosion hatten sie auch die heutigen «Spatzen » im Visier, die Kultur, Medien, Politik, Kirchen, Schulen und Oscar-Feiern bevölkern.

Natürlich lebt die Serie von Martins kolossaler Romanvorlage. Sein «Lied von Feuer und Eis» ist keine öko-esoterische Fantasy-Saga wie der Klassiker «Herr der Ringe». Trotz sparsam eingestreuten Hexen, Zauberern, Drachen, Riesen und sogar Zombies ist die Serie von schonungslosem Realismus geprägt. Das macht es aus.

Der Mensch kommt nicht vor, wie ihn sich Sozialtherapeuten vorstellen, sondern so, wie er ist, gut und böse wild durchmischt, ein abgründiges Raubtier, das zu Grausamkeiten, aber eben auch zu Liebe, Zärtlichkeit und Heldentum fähig ist.

Als vage Inspirationsvorlage dient die britische Geschichte des Mittelalters («Rosenkriege »). Auch Motive deutscher Heldensagen kommen vor.

Die Serie fasziniert nicht zuletzt durch die kreative Aneinanderreihung menschlicher Gemeinheiten, aus denen sich die Hauptfiguren immer wieder herauswinden, oder eben nicht. Provokativ ist, dass die Serie auch ihre Bösewichter liebevoll behandelt. Man macht es dem Zuschauer nicht leicht, die bad guys zu hassen.

Obwohl alles frei erfunden ist, hat man bei «Game of Thrones» oft mehr das Gefühl von Wirklichkeit als bei einer Nachrichtensendung über amerikanische Innenpolitik.

Die interessanteste Figur ist Tyrion Lannister, der Zwerg, ein blitzgescheiter Machtpolitiker und Selbstironiker zwischen den Schlachtbänken. Seine Dialoge sind die besten.

Tyrion: «Ein weiser Mann sagte einmal, die wahre Weltgeschichte ist eine Geschichte von grossen Gesprächen in eleganten Räumen.»

Kollegin: «Wer sagte das?»

Tyrion: «Ich, gerade jetzt.»

Kurz vor der drohenden Auslöschung durch die Zombie-Armee unter dem mysteriösen «Nachtkönig» unterhält sich Tyrion mit seiner früheren Gemahlin Sansa Stark.

Tyrion: «Wir hätten verheiratet bleiben sollen.»

Sansa: «Ihr wart der Beste unter meinen Ehemännern.»

Tyrion: «Welch furchterregender Gedanke.»

Es fehlt der pädagogische Kram. Das Leben ist immer bedroht, und auch die Guten sterben. Die Zivilisation ist eine dünne Schicht. Die meisten Hollywoodfilme feiern den amerikanischen Kult des heldenhaften Einzelnen. Diese glorreiche Egozentrik gibt es nicht bei «Game of Thrones». Nur gemeinsam kann man überleben. Es wirken überpersönliche Mächte. Selbst die Helden sind nur Ameisen, die jederzeit zerquetscht werden können.

Der Sinn des Lebens? Zähne zusammenbeissen und weiterkämpfen.

Auf dem Internet fragen sich die Experten, ob das Grande Finale die extremen Erwartungen erfüllen kann. Die besten Kenner haben das Gefühl, am Finish hätten zu viele Hollywoodianer mitgepfuscht. Der tragisch-ironische Grundton von Autor Martin drohe in einem konventionellen Mainstream-Furioso überdröhnt zu werden. Mal sehen.

Wird am Ende doch noch Jon Snow, der traurige König wider Willen und einer der ganz wenigen ausschliesslich Guten, den Thron besteigen? Schafft es die jugendliche Killer-Amazone Arya Stark, die einen anderen Königserben an der Angel hat? Oder triumphiert trotz allem die verrückte Drachenreiterin?

So sehr sich alle das Happyend wünschen, nichts würde dem Sinn der Serie wohl stärker widersprechen.

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