Weltwoche Editorial 16/19

Editorial

Klima-Wahn

Von Roger Köppel

Umweltpolitik: Ein rationaler Leitfaden in aufgeregten Zeiten.

Um es gleich mal klarzustellen: Ich bestreite nicht, dass es den Klimawandel gibt. Es gibt ihn seit Milliarden von Jahren, und er wird noch Milliarden von Jahren weitergehen.

Ich bestreite nicht, dass Kohlendioxid (CO2) ein wichtiges erwärmendes Treibhausgas ist und dass es immer mehr CO2 in der Atmosphäre gibt.

Ich bestreite nicht, dass dieses CO2 durch das Verbrennen fossiler Rohstoffe, also hauptsächlich durch menschliche Aktivität, freigesetzt wird.
Ebenso unbestritten ist, dass dieser menschliche CO2-Ausstoss einen Einfluss aufs Klima hat. Wie gross dieser Einfluss ist, darüber allerdings streiten sich die Wissenschaftler.

Was die Medien freilich verschweigen. Sie bringen nur die Alarmisten.

Als vorsichtiger Mensch rate ich davon ab, unnötige Risiken einzugehen. Deshalb finde ich es richtig, wenn wir darüber nachdenken, den CO2-Ausstoss einzudämmen.

Die Frage also ist: Was ist die richtige Klimapolitik? Was sollen wir mit Blick auf das menschengemachte CO2 tun? Und zwar hier, in der Schweiz?

Um diese Frage zu beantworten, muss man die Zahlen sehen.

Die Menschen verbrennen fossile Rohstoffe. Sie setzen das darin eingespeicherte CO2 frei. Es sind rund 35 Milliarden Tonnen weltweit pro Jahr.

Die grössten CO2-Produzenten sind: China mit rund 10 Milliarden Tonnen; die USA mit 5 Milliarden Tonnen; Indien mit 2,5 Milliarden Tonnen und Russland mit rund 2 Milliarden Tonnen.

Wichtig: Diese CO2-Weltmächte denken keine Sekunde daran, ihre Emissionen zu senken. Das ist aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ausgeschlossen. Vergessen.

Wo steht die Schweiz? Ihr CO2-Ausstoss nimmt sich wie ein dünner Lufthauch aus: Es sind jährlich 30 Millionen Tonnen. Das ist rund ein Tausendstel des weltweiten menschengemachten CO2.

Man rechne: Fährt die Schweiz ihr CO2 jährlich um zehn Prozent herunter, wäre dies ein Zehntausendstel von dem, was China et cetera in die Luft blasen. Die Reduktion wäre volkswirtschaftlich folgenreich für die Schweiz, aber fürs Weltklima wirkungslos.

Das Gleiche gilt, wenn sich die Schweiz die Radikalforderungen der jungen Grünen oder des FDP-Ständerats Ruedi Noser mit seiner Gletscher-Initiative zu eigen machte: Null CO2 in der Schweiz hätte im Weltmassstab null Wirkung. Die Gletscher würden weiterschmelzen, die Temperaturen weiter steigen.

Gross wäre hingegen die Wirkung solcher Massnahmen auf die Schweiz und ihren Wohlstand. Null CO2 heisst Ausstieg aus der fossilen Energie, heisst Ausstieg aus der Industriegesellschaft, wie wir sie kennen. Es wäre der Einstieg in eine Energiezukunft der gewollten Heuchelei: Was wir an CO2-Schleudern zu Hause verbieten, holen wir uns durch Stromimporte aus ausländischen Kohlekraftwerken wieder in die Schweiz herein.

Aber lassen wir uns für einen Moment auf den grünen Gedanken ein: Die Schweiz verbietet Schweizer CO2. Wir Helden! Die minimalen Einsparungen würden allein durch das Bevölkerungswachstum in der Dritten Welt im Handumdrehen mehr als überkompensiert; ein Bevölkerungswachstum, das wir übrigens durch Entwicklungshilfe munter ankurbeln. Alle zwölf Jahre gibt es eine Milliarde Menschen mehr. Die Greta-bewegten Grünen blenden es aus.

Und klar: Die Milliarden in der Dritten Welt sehnen sich nach Mobilität wie wir. Können sie sich die neusten Teslas leisten? Vermutlich nicht, aber selbst wenn sie es könnten: Woher kommt der Strom, nachdem wir die Kernenergie verboten haben? Kohle- und Gaskraftwerke müssen es richten, gigantische Schleudern, die in einem Jahr mehr CO2 verbreiten, als die brave Schweiz in hundert Jahren einspart.

Die Grünen wenden jetzt ein: Aber wir haben doch die Erneuerbaren! Stimmt. Zum Beispiel die Windräder. Ein früherer NZZ-Kollege, Chef des Wissenschaftsteils, hat es ausgerechnet: «Wollte man die fossilen Energieträger durch grosse Windturbinen ersetzen, so müsste man rein theoretisch zirka 6 Milliarden davon aufstellen. Sie kosten mehrere Millionen Euro pro Stück.» Also kein Problem. Bloss: Wer hat mehrere Millionen Milliarden?

Spass beiseite. Die Windräder werden es nicht bringen. Sie liefern unzuverlässigen Flatterstrom. Will man Blackouts vermeiden, Tote und Produktionsausfälle infolge von Stromausfall, müssen wieder Gas- oder Kohlekraftwerke ran, um jederzeit einzuspringen. Diesen Wahnwitz an Energiepolitik nennt der Bundesrat seine Strategie.

Es bleiben die Solarzellen. Sonnenenergie klingt freundlich und sinnvoll, aber auch diese Hoffnung löst sich auf. Solaranlagen sind noch teurer als Windräder und liefern nachts gar nichts, im Herbst und Winter fast nichts. Wie soll sich eine hochentwickelte Industriegesellschaft darauf einstellen? Die Antwort lautet: Noch mehr Gas- und Kohlekraftwerke, noch mehr CO2.

Es geht nicht auf. Darüber täuscht auch die klimawahnsinnige Heiligsprechung Gretas nicht hinweg. Null CO2? Null Chance. Weltfremd.

Was haben der linke Schriftsteller Jonathan Franzen, der liberale Umweltaktivist Bjørn Lomborg und Russlands Präsident Wladimir Putin gemeinsam? Sie sind Realisten.

Auch sie machen sich Sorgen ums Klima, aber sie sind nicht bereit, ihren Verstand abzuschalten.

Putin sagt, der Klimawandel finde statt, er sei unabwendbar. Es habe aber keinen Sinn, sich dagegen mit unsinnigen Methoden aufzulehnen.

Putin hat recht. Besser ist es, sich auf den Klimawandel einzustellen, sich anzupassen, die Folgen abzuschätzen und die Massnahmen darauf auszurichten.

Weisheit beginnt mit der Einsicht, dass es unlösbare Fragen und Probleme gibt.

Der Klimawandel ist für viele ein Problem, für andere weniger. Aber selbst wenn wir uns die Befürchtungen der Alarmisten zu Herzen nehmen: Wir machen es uns nicht leichter, indem wir mildernde Technologien wie Kernenergie oder die Gentechnik verbieten.

Der Klimawandel ist vielleicht eine Katastrophe, die Ermordung der industriellen Gesellschaft ist mit Sicherheit eine.

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