NZZ am Sonntag

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Heidi statt Greta

Roger Köppel führt den wohl amerikanischsten Wahlkampf, den ein Ständeratskandidat in der Schweiz je führte. Er tourt durch sämtliche Gemeinden des Kantons Zürich. Doch was erzählt er da? Und wer hört ihm zu?

Von Sacha Batthyany und Pascal Mora (Fotos)

Es ist zehn Uhr morgens an diesem ersten Samstag im Juni, und Roger Köppel ist bestens gelaunt. «Ich bin froh, so viele normale Menschen anzutreffen», sagt er, denn unter den Politikern in Bern, da müsse man die Normalen lange suchen. Und schon hauen sich die Ersten auf die Schenkel, als wären sie bei einer Comedy-Veranstaltung. Wenig später nimmt Köppel einen Schluck Mineralwasser, stellt das Glas an den Rand der Bühne, da sei CO2 drin, sagt er, «ob sich das Klima erwärmt, wenn ich zu viel davon trinke?» Worauf wieder alle lachen. Keine drei Minuten sind vergangen, und Köppel hat den Saal bereits in der Tasche.

Das beste Mittel, um Zuhörer wachzurütteln, sind Spässe, vor allem an einem Samstagmorgen wie diesem, strahlend blauer Himmel über Oetwil an der Limmat, Bezirk Dietikon, 2547 Einwohner, 18,1 Prozent Ausländer, 148 Kühe. Beinahe jeder Zweite wählt hier SVP, für Köppel ein gutes Pflaster.

Rund 160 Menschen füllen die alte Scheune bis zum letzten Platz, viele Senioren, aber auch Familien und ein paar Jugendliche. Und wenn man sie fragt, was sie von diesem Roger Köppel halten, einem der prominentesten Politiker des Landes, der im Herbst einen Ständeratssitz erobern will und sich auf Wahlkampftour durch sämtliche 162 Zürcher Gemeinden befindet, dann beginnen sie zu strahlen, bevor sie reden.

Ein begnadeter Politiker sei das, sagen sie, nicht nur in Oetwil. Einer, der sich nicht scheue, die Wahrheit auszusprechen, auch wenn sie schmerze. Ein Spitzbub, sagen die älteren Damen und kichern. Ein echter Patriot, sagen die Männer und verschränken ihre Arme vor ihren Bäuchen. «Ein Vorbild», sagt Jennifer Fischer, 24, Mitglied der jungen SVP Dietikon. Köppel sei jemand, der den jungen Menschen «aus dem Herzen spricht».

Stunden später an diesem Samstag steht Köppel in einem anderen Saal, wieder ist es rappelvoll. Es ist sein zweiter Auftritt an diesem Tag, ein Schützenhaus in Obfelden, Bezirk Affoltern. Köppel trägt andere Hosen, ein anderes Hemd, er wirkt, als machten ihm all diese Veranstaltungen tatsächlich Spass, kein Hauch von Müdigkeit ist zu erkennen, kein Körnchen Groll darüber, jetzt nicht bei seiner Familie zu sein.

Wieder beginnt Köppel mit seinen Spässen. Er hat sich für seinen Wahlkampf durch die Provinz ein eigenes Witze-Genre ausgedacht, den CO2-Witz. So wie es früher auf den Pausenplätzen Blondinenwitze gab, so gibt es bei Köppels Ochsentour nun Witze über die «Klimahysterie», wie er sie nennt. In Obfelden spricht er nicht übers Mineralwasser, sondern bittet darum, die Fenster zu öffnen, sonst «entsteht hier noch ein Treibhausgas-Effekt», worauf wieder alle lachen, als stünde der Komiker Peach Weber in einem Hawaiihemd vor ihnen und nicht der Chefredaktor der «Weltwoche», der 2015 mit einem Rekordergebnis in den Nationalrat gewählt wurde. Das Thema sei zwar ein ernstes, fügt Köppel an, und schiebt sich die Brille ins Gesicht, «aber ein wenig Gelassenheit schadet nie», sagt er, und die allermeisten nicken.

Donald Trump und Hannibal

Roger Köppel, 54, führt den vielleicht amerikanischsten Wahlkampf, den ein Ständeratskandidat in der Schweiz je geführt hat. Im Vergleich zu seinen Konkurrenten, die mal hier und mal da einen Vortrag halten und wortfaul auf Podien sitzen, tritt er fast täglich auf und ist nah bei den Menschen, gleichzeitig twittert er wild um sich und mischt sich ein, wo immer er kann. Er lässt sich das auch einiges kosten, die Plakate, die Anzeigen in den Zeitungen, für hiesige Verhältnisse ist viel Geld im Spiel, das er zum Teil selbst aufwirft, wie er behauptet. Er habe auch ein paar private Gönner, über die er aber nicht reden wolle. «Ohne Wahlspendengeheimnis kann eine Demokratie nicht richtig funktionieren», sagt Köppel.Viel wurde schon spekuliert, wie gross seine Chancen im Herbst sein werden, wenn Köppel unter anderem gegen Daniel Jositsch (sp.) und Ruedi Noser (fdp.) antreten wird, die er «Nositsch» nennt, weil er findet, ihre Politik sei kaum voneinander zu unterscheiden. Wenig aber wurde darüber berichtet, was er den Menschen da draussen in den Schützenhäusern von Adlikon bis Zumikon wirklich erzählt, und vor allem, wer ihm zuhört.Weggefährten, die ihn von früher kennen, als er noch als Intellektueller galt, ein Kulturjournalist in schwarzem Rollkragenpullover, fragen, ob er das denn könne, ein hemdsärmeliges Publikum in der Provinz für sich zu gewinnen; schliesslich ist er ein Akademiker, sattelfest in Geschichte und politischer Philosophie, keiner, der Schümli-Pflümli trinkt und gerne kegelt. Köppel spielt Tennis. Die Antwort lautet: Und ob er das kann.

Er hat ein Gespür für seine Zuhörer, wie jeder geübte Redner passt er sich seinem Publikum an. Es sind Nuancen nur, aber sie sind entscheidend.Im Schützenhaus in Obfelden am frühen Samstagabend, in dem sein Publikum vor Bierflaschen mit Bügelverschluss sitzt, wirkt er verglichen mit seinem ersten Auftritt am Morgen in Oetwil, als wäre er in wenigen Stunden um Jahre gealtert. «Mein wichtigstes politisches Anliegen ist, dass es der Schweiz gutgeht.» Gebückt läuft er vor den Tischen auf und ab, als habe er ein Bandscheibenleiden. Er hebt den Zeigefinger, wie es Senioren tun, spricht in bester Ueli-Maurer-Manier von Donald Trömp, mit helvetischem Ö, obwohl Köppel perfektes Englisch spricht und die Schriften des schottischen Ökonomen Adam Smith wohl im Original gelesen hat. Und wenn ihm etwas wirklich wichtig ist, dann wiederholt er den Satz in schlechtem Hochdeutsch, wie es Christoph Blocher in seinen besten Tagen tat, und sagt: «Die Schweiz ischt eine Willensnation.»In den USA essen Politiker Hotdogs, um sich volksnah zu zeigen, und reden mit der Feuerwehr; Köppel tourt durch die Schützenhäuser und gibt sich weniger sprachgewandt und weltläufig, als er in Wahrheit ist. Und das kommt an. Wo immer er auftritt, die Menschen sind begeistert, vor allem aber sind sie ihm dankbar – mehr kann man als Politiker bei seinen Wählern vielleicht gar nicht erreichen. «Der Köppel», dieser Satz fällt immer wieder, sei einer der wenigen, die sich für die Schweiz einsetzen. Fragt sich nur, für welche?

Glaubenskrieg ums Klima

Köppel spricht wenig darüber, wie er als Ständerat den Kanton Zürich im Herbst in Bern vertreten werde, viel lieber hält er eine «politische Weiterbildungsveranstaltung», so nennt er sein Soloprogramm durch den Kanton, in dem es ihm um die ganz grossen Themen geht: den Klimawandel, die «masslose Zuwanderung», wie es auf seinem Plakat steht, das er vor jedem Auftritt ausrollt, und das Verhältnis der Schweiz zur EU.

Er sei kein Klimawandelleugner, wie es in den Medien immer heisse, sagt Köppel, so wie man auch kein Rassist sei, wenn man die Zuwanderung beschränken wolle. Das Klima habe sich immer gewandelt, «es war mal kalt und mal warm», das behaupte auch Professor Christian Pfister aus Bern, sagt Köppel. «Als der Hannibal mit seinen Elefanten über die Alpen kam, da gab es noch keine Gletscher.»

Er zweifle nur daran, «wie gross der Einfluss des Menschen am Klimawandel ist.» Selbst die Wissenschaft widerspreche sich da, man wisse noch zu wenig darüber. Es gäbe auch keine Studie, die beweise, dass Naturkatastrophen zugenommen hätten, sagt er und verweist auf Studien, die keine signifikanten Anstieg der Schadenssumme aufgrund des Klimawandels beobachten. «Die wollen Sie nur emotional weichklopfen; die wollen, dass Sie sich schuldig fühlen, die Medien und diese Wissenschafter, die ständig von neuen Hitzesommern warnen», ruft er.

Es finde eine quasireligiöse Verehrung dieser Greta Thunberg aus Schweden statt. «Neuerdings schickt man schon Krabbelgruppen an die Klimademonstrationen», fährt Köppel fort, worauf wieder alle lachen. Dabei seien die wahren Umweltretter der Schweiz «nicht die Balthasar Glättlis dieser Welt», der Name des Grünen-Politikers fällt häufig, sondern die Bauern, sagt Köppel seinen Zuhörern in Obfelden. «Die wussten schon immer, was gut ist für unsere Luft und unser Land.»

Nicht das CO2, so sieht es der Chef der «Weltwoche», sondern die Migration sei der Haupttreiber des Klimawandels. «Eine Million Zuwanderer in 13 Jahren», aber darüber werde in Bern geschwiegen, obwohl es den Schweizer Mittelstand bedrohe. Köppel will mehr Heidi und weniger Greta.

Spätestens jetzt weiss er den Grossteil seines Publikums auch im Klimathema auf seiner Seite. Herrschte vor seinem Auftritt noch so etwas wie Skepsis unter den Anwesenden, dieser Roger Köppel würde in der CO2-Frage «ein wenig übertreiben», hört man am Ende seines Referats die meisten murmeln: «Der Mann hat einfach recht.»

Der Klimatologe Reto Knutti hingegen, Professor der ETH, benötigt keine halbe Stunde, um Köppels Rede über den angeblichen Klimawahn zu widerlegen. Es sei korrekt, dass es früher kältere und wärmere Phasen gab, aber die hatten jeweils unterschiedliche Ursachen, und es handelte sich auch nicht immer um globale Erscheinungen. Ohne die Gründe zu nennen, sei ein Verweis auf frühere Zeiten sinnlos, sagt Knutti.

Der menschengemachte CO2-Anstieg sei eine Tatsache, ebenso die Zunahme an Hitzetagen und starken Niederschlägen in der Schweiz, wie global. Was sich aber nicht in einer Zunahme an Schadenssummen zeige, auf die Köppel verweist, sagt Knutti, weil massiv in Hochwasserschutz und Alarmierungssysteme investiert wurde.

«Es herrscht unter Fachwissenschaftern ein Konsens bezüglich der menschengemachten globalen Erwärmung», sagt auch Professor Christian Pfister, den Köppel in seinen Reden so gern zitiert, aber eben nur selektiv.

Und was Hannibal und dessen Elefanten betrifft, auch da widerspricht Pfister dem Nationalrat der SVP: «Die Alpengletscher waren zu Zeiten Hannibals nach heutigem Wissen etwa gleich gross wie 1980. Seit dem Übergang zum beschleunigten Klimawandel 1988 hat sich der Rückschmelzprozess sehr stark beschleunigt, so dass die Gletscher heute kleiner sind als zu Hannibals Zeiten.»

Man könne Menschen wie Roger Köppel noch so viele Fakten vorlegen, sagt Knutti in seinem Büro, weit weg von den Schützenhäusern der Provinz. Es sei wie mit den Kreationisten, auch denen könne man Dinosaurierknochen zeigen, «und sie glauben noch immer, dass Gott die Welt vor sechstausend Jahren erschaffen hat»

Zehn Tage nach seinem Auftritt in Oetwil an der Limmat, spricht Roger Köppel in Uitikon-Waldegg, es ist derselbe Bezirk, aber die Unterschiede sind gross. In Uitikon, einer boomenden Gemeinde am Zürcher Üetliberg, ist das durchschnittliche steuerbare Einkommen doppelt so hoch wie in Oetwil, der Quadratmeter Bauland teurer, die Autos grösser, der Wähleranteil der SVP niedriger und in den Bäckereien, so erzählen Anwohner, hört man viele Deutsche und Amerikaner.

Köppel, der auf die Kritik der Klimatologen Knutti und Pfister schriftlich mit ergänzenden Studien Stellung nimmt, die seine Sicht der Dinge belegen sollen, trägt Krawatte. Er lässt die CO2-Witze hier oben bleiben, spricht wieder akzentfreies Englisch und begrüsst die Anwesenden nicht als Normale, denn in Uitikon ist man wer; Köppel stellt den Wohlstand in der Schweiz ins Zentrum seiner Rede, vor zehn Tagen ging es ihm einzig um die Schweiz, jetzt geht es ums Geld.

«Der Wohlstand ist in Gefahr, weil der Sozialstaat explodiert.» In Wahrheit gehe es den Grünen, wie diesem Balthasar Glättli, um eine «beispiellose Umverteilung», sagt Köppel. Der Glättli, der habe sich schon im Studium als Schwerpunkt in die Schriften Antonio Gramscis vertieft, «eines Kommunisten!»

Was immer «diese Klimahysteriker» vorhaben, sagt Köppel, die Forderung nach einer Klimaneutralität, einem Null-CO2-Ausstoss, bedeute den «organisierten Selbstmord der industriellen Produktion». Dieses CO2, sagt er fast schon in trumpschem Pathos, sei überall, in der Luft, dem Wasser, «wer es beherrscht und besteuert, der beherrscht die Welt».

Es ist ein Glaubensstreit ums Klima, den er auf seiner Tour durch die Provinz anzettelt: Köppel gegen die Klimatologen. Rechts gegen Links. Und der schwelt nicht nur in der Schweiz, sondern auch in den USA, wo die Republikaner unter Trump sämtliche CO2-Gesetze Barack Obamas rückgängig machten.

Die Frage sei, sagt Knutti, der Klimatologe, ob Köppel wirklich daran glaube, was er erzähle, «oder ob es sich nur um Wahlkampfparolen handelt», von denen er sich Erfolg verspreche. So oder so sei es gefährlich, was Köppel tue. Denn er zündelt. Indem er die Klimaerwärmung mit der Zuwanderung verknüpfe, wiegle er seine Wählerschaft auf, wissenschaftlich mache auch das keinen Sinn. «Dem Klima ist es egal, ob jemand in die Schweiz kommt oder in seinem Land bleibt. Auch wenn man alle Ausländer ausweisen würde: Wollen wir den Planeten nicht an die Wand fahren, müssen wir handeln. Und zwar jetzt.»

Wie Fans nach einem Konzert

Auch in Uitikon sind die Menschen von Köppel begeistert. Kritik ist nur vereinzelt zu hören. Es gehe ihm zu sehr um sich, sagt einer; seine Meinung zum Klimawandel sei zu einseitig, sagt ein anderer. Und Balthasar Glättli sagt auf Anfrage, er habe Gramsci nur in einem Proseminar gelesen, und sich später nie mehr mit ihm befasst.

Aber die allermeisten Zuhörer haben dieses innere Leuchten, als sie den Saal verlassen, wie Fans nach einem Konzert. Sie haben gehört, was sie hören wollten, sie sind weder schuld am Klimawandel, noch müssen sie was tun – und gemäss Köppel ist vielleicht alles auch gar nicht so schlimm. Selig fahren sie in ihren SUV in zwei Minuten nach Hause.

Er hebt den Zeigefinger, wie es Senioren tun, spricht in Ueli-Maurer- Manier von Donald Trömp, obwohl Köppel perfekt Englisch spricht.

Die allermeisten Zuhörer haben dieses innere Leuchten, als die den Saal und Köppel verlassen. Wie Fans nach einem Konzert.

Zielscheiben

Balthasar Glättli, 47, Grüne Partei, wird in Köppels Reden oft attackiert. Glättli sagt: «Wir sind das Gegengift gegen den Rechtspopulismus.»

Reto Knutti, 46, Professor an der ETH: «Die Klimakrise mit der Einwanderung zu verknüpfen, wie Köppel das tut, macht wissenschaftlich keinen Sinn.»

«Es war mal kalt und mal warm.» Roger Köppel auf Wahlkampftour vor dem Schützenhaus in Obfelden, Kanton Zürich.

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